Das lange Warten hat sich gelohnt. Vergangene Woche konnten endlich – nach Covid-19 bedingten Verzögerungen – die in der Schweizer Bevölkerung gesammelten Wahrnehmungen und geforderten Rahmenbedingungen zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI) an Parlamentarier_innen und eine vielfältige Fachcommunity herangetragen werden. Im Rahmen des hybrid veranstalteten Parlamentarier_innenanlasses wurden den Zuhörer_innen spannende Referat und eine lebhafte Panel-Diskussion zum gesellschaftlich tragbaren Umgang mit KI geboten. Organisiert wurde der Anlass von der Stiftung Risiko-Dialog, der SATW und Parldigi.

 

Künstliche Intelligenz (KI) verändert die Welt, führt dabei zu neue Möglichkeiten und stellt die Gesellschaft zugleich vor grosse Herausforderungen. Insbesondere die Politik und Regulatoren sind in naher Zukunft gefordert. Um breit akzeptierte Lösungen zu realisieren, ist neben dem Einbezug von Wissenschaft und Expert_innen auch die Perspektive der Bevölkerung gefragt. Wie sollen KI-Systeme reguliert und ausgestaltet werden, um das grosse Potenzial zu nutzen und gleichzeitig ethische und demokratische Werte zu wahren? Um Antworten auf diese Fragen zu erhalten, führte die Stiftung Risiko-Dialog in Kooperation mit der SATW und mit Unterstützung der Akademien der Wissenschaften Schweiz das Projekt «KI in unserem Alltag» durch. Die gesammelten Erkenntnisse wurden vergangene Woche wichtigen Parlamenterier_innen und Entscheidungsträger_innen präsentiert.

 

Das Parlamentarier_innenanlass wurde von den beiden Projektpartnern Stiftung Risiko-Dialog und SATW sowie Parldigi (Parlamentarische Gruppe Digitale Nachhaltigkeit) organisiert. Matthias Stürmer, Geschäftsleiter von Parldigi sowie Leiter der Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit der Universität Bern, führte die Teilnehmenden als Moderator durch die Veranstaltung. Nach einer warmen Begrüssung durch Edith Graf-Litscher, Nationalrätin und Co-Präsidentin von Parldigi, folgte Dr. Anna Jobin mit einer inhaltlichen Einführung in das KI Thema. Eine wichtige Kernbotschaft aus ihrem Referat umreisst die ethische Problematik des «digitalen Profilings». KI, beziehungsweise algorithmische Systeme, basieren auf statistischen Berechnungen, die Angaben zu Wahrscheinlichkeiten liefern. Diese Wahrscheinlichkeitsberechnungen können auf noch so vielen Daten beruhen, letztlich dürfen aber (nach wie vor) Korrelationen nicht mit Kausalitäten gleichgesetzt werden. Das heisst, dass Rückschlüsse auf einzelne Menschen, deren Verhalten und damit verbundene Entscheidungen moralisch problematisch sind, da kein direkter Bezug zur betreffenden Person vorhanden ist. Die Frage nach dem richtigen Umgang mit KI, sei es nun um Konsumbereich, in der Medizin, im HR oder gar im Kontext polizeilicher Arbeit, ist daher gemäss Anna Jobin weniger eine Abwägung der technischen Möglichkeiten, sondern viel mehr eine gesellschaftspolitische Diskussion.

 

An diese stille Aufforderung an die Politik knüpfte das Referat von Matthias Holenstein (Geschäftsführer Stiftung Risiko-Dialog) und Manuel Kugler (Projektleiter SATW) an. Die beiden Referenten präsentierten das Projekt «KI in unserem Alltag». Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe wurden mit der interessierten Bevölkerung in unterschiedlichen Sprachregionen konkrete KI-Anwendungsfelder diskutiert und mögliche Rahmenbedingungen/Forderungen zum Einsatz von KI formuliert. In unterschiedlichen interaktiven, partizipativen und szenariobasierten  Workshops diskutierten Teilnehmende den Einsatz von KI in den Anwendungsfeldern «KI in den Sozialen Medien», «KI in Bewerbungsprozessen» und «KI in der Medizin» und arbeiteten konkrete Empfehlungen und Forderungen aus. Die wichtigsten Resultate finden sich hier auf deutsch und hier auf französisch.

 

Die Veranstaltung wurde schliesslich von einer vielseitigen Paneldiskussion abgeschlossen: Elisabeth Ehrensperger (Geschäftsführerin TA-Swiss), Christian Westermann (KI Experte bei Bain & Company), Anna Mätzener (Leiterin AlgorithmWatch Schweiz) und Thomas Schneider (Vizedirektor BAKOM) diskutierten einerseits Fragen nach der «richtigen» Regulierung durch die Politik: Was kann und soll die Politik beitragen, wo sind Grenzen gesetzt? Was muss oder kann von der Privatwirtschaft angegangen werden? Andererseits wurde am Beispiel des tödlichen Unfalls durch ein selbstfahrendes Auto der Firma Uber in Arizona die Komplexität von Haftungsfragen als auch geforderter Rahmenbedingungen aus unterschiedlichen Perspektiven dargelegt. In einem an die Politik auffordernden Worten schloss Dr. Esther Koller (Generalsekretärin a.i. der SATW) die Diskussion vorerst, um sie bei einem gemeinsamen Dinner weiterzuführen.

 

Das Projekt «KI in unserem Alltag» und das gehaltvolle Parlamentarier_innenanlass legen eine wichtige Basis für weiterführende Gespräche zur tragfähigen Gestaltung der KI von morgen gemeinsam mit der Bevölkerung. Die Diskussionen von letzter Woche, aber auch weitere Studien und Expert_innenberichte weisen auf die Relevanz des Einbezugs aller Stakeholder hin. Dazu gehören neben Akteuren aus der Technologie, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik auch gleichberechtigt Vertreter_innen der Zivilgesellschaft dazu. Nur so lassen sich Lösungen gestalten, die nicht nur wirkungsvoll und zielorientiert sind, sondern auch die Bedenken und Hoffnungen der Gesellschaft berücksichtigen.