Der Angriff gegen die Ukraine ist zweifelslos von historischer Dimension und schockiert. In diesem Krieg in Europa geschieht vieles gleichzeitig und es wird viel Zeit vergehen, bis wir alle Folgen für die Menschen, Umwelt, Wirtschaft und die geopolitische Lage verstehen werden. Vieles wurde dazu bereits geschrieben. Unsere Gedanken sind bei den betroffenen Menschen. Neben sicherheitspolitischen Reaktionen geht es hier in der Schweiz v.a. auch darum, konkret der Bevölkerung zu helfen.

 

In der Schweiz berät der Bundesrat neben den angeordneten Sanktionen bspw. die Aufnahme von ukrainischen Flüchtlingen. Auch Unternehmen reagieren auf den Krieg. So bieten Schweizer Telefonanbieter gratis Anrufe in die Ukraine an und die Deutsche Bahn organsiert kostenlose Fernzüge. Zudem rufen etablierte Organisationen (bspw. Caritas Schweiz, Rotes Kreuz Schweiz, UN Refugees (UNHCR) etc.) zu Geldspenden auf. Teilweise nehmen sie auch Materialspenden an, um diese an bedürftige Personen in der Ukraine weiterzuleiten. So sammeln «Helpukraine» sowie das internationale Netzwerk LeaveNoOneBehind» an verschiedenen Orten Güter. Kinder sind auch in Konflikten eine besonders vulnerable Gruppe, für die sich bspw. Save the Children einsetzt. Es sind auch weitere Sammelaktionen für Hilfsgüter entstanden wie zum Beispiel «Helfen Sie Helfen». Gerade bei neuen und unbekannten Organisationen ist ein kurzer Check empfehlenswert, um nicht auf betrügerische Angebote hereinzufallen.

 

Das Rote Kreuz wartet noch ab, bis klarer wird, wie Helfer:innen in der Schweiz aktiv werden können. Die aktuellen Informationen finden sich hier. Auch in Forschungskreisen sind Initiativen entstanden mit Ziel, die ukrainische Bevölkerung zu unterstützen. In Polen treffen bereits hunderttausende von Flüchtlingen ein und sie werden teils vor Ort beherbergt oder sie reisen weiter. Die Nachbarländer können jedoch nicht alle Flüchtlinge aufnehmen. Aus diesem Grund haben verschiedene Organisationen bereits dazu aufgerufen, Unterkünfte für Flüchtlinge in der Schweiz bereitzustellen. Falls jemand selbst Flüchtlinge beherbergen kann, steht diese  Liste von Campax bereit. Das Rote Kreuz zeigt viele Möglichkeiten auf, wie wir uns als Freiwillige engagieren können.

 

Neben diesen klassischen Top-down Ansätzen der Politik, der professionellen Hilfsorganisationen und der Wirtschaft spielen aber auch sogenannte «Grassroots» oder «Bottom-up» Bewegungen aus der Zivilbevölkerung eine zentrale Rolle im Umgang mit einer Krise. Eine kurze Recherche bestätigt, dass in den letzten Tagen eine Vielzahl von spontan entstanden Bewegungen, Organisationen oder Kundgebungen aus der Zivilgesellschaft entstanden sind, welche für die ukrainische Bevölkerung Hilfe leisten möchten. Dies ist eine Entwicklung, die sich in den letzten Jahren bei Katastrophen und Notlagen abzeichnete. Der öffentliche Druck auf den Bundesrat hat in wenigen Tagen dazu geführt, dass eine Kehrtwendung im Umgang mit den Sanktionen stattgefunden hat. Die Mobilisierung von Menschen an den Kundgebungen erhöht die Sensibilisierung für das Geschehen in der Ukraine und motiviert Spenden sowie andere Unterstützungen aus der Bevölkerung. Beispiele für die Unterstützung aus der Bevölkerung sind die Plattform RonOrp, die sich dafür engagiert, dass sich Individuen bei ihr melden können, um geflüchtete Menschen aufzunehmen, oder die erst kürzlich gegründete Gruppe «StandUp4Democracy», welche am 28. Februar auf dem Münsterhof zur Kundgebung in Zürich aufgerufen hat. Zudem versammelten sich auch in Bern tausende von Menschen, um gemeinsam ein Zeichen gegen den Krieg zu setzen. Das Beispiel «My home is my castle» zeigt typisch, dass es sich lohnt, Bottom-Up Engagement von Anfang an zu fördern, auch zu vernetzen, zusammenzuschliessen, um Aufmerksamkeit zu gewinnen.

 

Bereits in der Corona-Pandemie und der Flüchtlingswelle 2015 zeigte sich, welchen wichtigen Beitrag Bottom-Up-Initiativen aus der Zivilgesellschaft leisten können, um Krisen zu bewältigen – sei es in der Nachbarschaftshilfe, der Schulbildung, der Unterstützung des lokalen Gewerbes, im Gesundheitswesen, im Kulturbereich oder bei der Digitalisierung. Gerade zu Beginn einer Krise – verstärkt durch eine breite Berichterstattung der Medien – kann rasch eine grosse und wertvolle Vielfalt von Angeboten entstehen, getragen von freiwilligen Helfer:innen mit sehr hohem Einsatz.

 

Wichtig wird auch in dieser Krise sein, die mittel- bis langfristige Entwicklung solcher Initiativen zu verfolgen. Einige werden sehr erfolgreich sein in ihrer Wirkung, während andere sich schnell wieder auflösen oder inaktiv werden können. Wieder andere können in formale oder grössere Organisationen integriert werden. Im Sinne der positiven Wirkung ist der Austausch zwischen solchen Bewegungen wichtig, damit nicht zu viele Parallelitäten entstehen. Für Initiant:innen ist es daher auch relevant, sich zu informieren, wo bereits ein Engagement besteht und wie dieses unterstützt werden kann.

 

Aus aktueller Forschung und Praxis zeigt sich zudem, dass eine Verknüpfung solcher Bottom-Up-Initiativen mit Top-Down-Ansätzen wie staatlicher Hilfe oder Engagement von etablierten Organisationen ein grosses Potenzial darstellen. Bottom-Up-Initiativen sind oftmals agiler und können die Vielfalt, Kreativität sowie Fähigkeiten aus der Bevölkerung erschliessen. Etablierte Hilfe verfügt oft über grosse Ressourcen, langjährige Erfahrung und strategische Steuerung verfügen. Eine resiliente Gesellschaft wird beide Ansätze geschickt nutzen – zum Wohle aller.