Zwischen Mai 2018 und Oktober 2019 untersuchte die Stiftung Risiko-Dialog im Auftrag der Suva, welchen Stellenwert «Eigenverantwortung» bei jungen Erwachsenen in Hochrisiko-Branchen hat und was im Kontext Arbeitssicherheit darunter verstanden wird. Das Projekt dient als wichtige Grundlage für eine neue Ausrichtung der Präventionsstrategie der Suva, die noch stärker das eigenverantwortliche Denken und Handeln der Arbeitnehmenden ins Zentrum rückt und eine proaktive Sicherheitskultur im den Betrieben fördert.

 

Ausgangspunkt für das Projekt war die Studie «Generation Y – Risiko anders erlebt» der Stiftung Risiko-Dialog, aus der u. a. hervorging, dass Gesundheit und Eigenverantwortung zentrale Werte der Generation Y darstellen. Betrachtet man diese Werte im Arbeitskontext, so bilden sie eine wertvolle Grundlage für eine proaktive Sicherheitskultur – insbesondere für Hochrisiko-Branchen, in denen ein hohes Unfallrisiko besteht. Um mehr über die Werte «persönliche Gesundheit» und «Eigenverantwortung» im Arbeitskontext bei jungen Erwachsenen aus Hochrisiko-Branchen zu erfahren, befragte das Projektteam der Stiftung Risiko-Dialog Arbeitsnehmende im Alter von 16-30 Jahren aus der Bau-, Chemie- und Forst-Branche.

 

Vorgehen in zwei Phasen

In einer ersten Phase führte das Projektteam Fokusgruppen in einzelnen Betrieben der drei Branche durch, um mit den 16 – 30-Jährigen im Rahmen offener Gespräche über Arbeitssicherheit und eigenverantwortliches Handeln zu diskutieren. Diese sehr explorativen Gespräche dienten dazu, Eigenverantwortung im Arbeitskontext besser zu verstehen und einzuordnen. Weiter untersuchten die Fokusgruppen die Wirkung betriebsspezifischer, kultureller Faktoren auf die Einstellungen und Bedürfnisse der Arbeitnehmenden. In einer zweiten Phase wurden die Erkenntnisse aus den Fokusgruppen in einer breit angelegten Online-Umfrage, in der Deutschschweiz und der Romandie validiert, mit dem Ziel, das Konzept «Eigenverantwortung» weiter zu schärfen.

 

Eigenverantwortung:

Für die eigene Sicherheit und die Sicherheit der Anderen

Aus der Umfrage geht hervor, dass sowohl die persönliche Gesundheit als auch die Gesundheit der Kollegen/-innen für die Befragten eine hohe Bedeutung haben. Dies kann als Ausdruck einer intrinsischen Motivation für sicheres Arbeiten interpretiert werden und bildet eine wichtige Grundlage für Eigenverantwortung im Arbeitskontext. Diese Annahme wird durch den Befund gestärkt, dass junge Erwachsene in Hochrisiko-Branchen die Verantwortung für Arbeitssicherheit im Betrieb mindestens gleichermassen bei sich und den Vorgesetzten sehen. Sie sind also nicht der Meinung, dass Arbeitssicherheit alleinige Sache des Arbeitgebers ist, sondern sehen sich selber in einer ebenso wichtigen Rolle. Als Hauptgrund für diese gelebte Eigenverantwortung und die damit empfundene Mitverantwortung für die Arbeitssicherheit wurde angegeben, dass jede/-r selber Gefahren bei der Arbeit am besten erkennt. Somit kann auch nur jede/-r selber auf diese Gefahren reagieren.

 

Auf die Frage, was typische eigenverantwortliche Handlungen seien, wurde am häufigsten das «Stopp-Sagen» in unsicheren Situationen, das Nachfragen bei Kollegen und Vorgesetzten, wenn man unsicher ist, die persönliche Schutzausrüstung sowie das Erkennen von unsicheren Handlungen genannt. Die Antworten zeigen klar, dass das Verständnis von Eigenverantwortung über die Verantwortung für das eigene Verhalten hinausgeht. Vielmehr bezieht sich Eigenverantwortung im Arbeitskontext auf die (Mit-)Verantwortung für die Arbeitssicherheit im jeweiligen Team sowie im gesamten Betrieb. Ein Befund der deutlich macht, dass Eigenverantwortung ein stark kulturelles Thema ist. Möchte man eigenverantwortliches Handeln in einem Betrieb fördern, geht das mit dem Aufbau einer proaktiven Sicherheitskultur einher, in der Offenheit und gegenseitiges Vertrauen zentral sind und sicheres Verhalten über das Befolgen von Regeln hinausgeht.

 

Stärkende Faktoren für eigenverantwortliches Handeln waren aus Sicht der Befragten die persönliche Erfahrung, genügend Handlungsspielraum seitens Vorgesetzten, um selbständig Entscheidungen treffen zu können, sichere Rahmenbedingungen im Betrieb sowie Vertrauen und Austausch im Team. Dem gegenüber wurden primär Zeitdruck, fehlendes Wissen, bspw. in der Handhabung von Arbeitsgeräten, sowie erschwerte Kommunikation im Team hinderliche Faktoren genannt. Alles in allem kann Eigenverantwortung im Arbeitskontext aber als eine «stabile» Haltung zu Arbeitssicherheit angesehen werden. Auch wenn bspw. Zeitdruck am Arbeitsplatz herrscht, verhalten sich eigenverantwortliche Personen in der Regel sicher. Als wichtige Rahmenbedingungen, damit Eigenverantwortung im Betrieb gelebt werden kann, sind eine Kombination aus Regeln und Kontrolle, persönlicher Erfahrung und proaktiver Sicherheitskultur hilfreich.

 

Eigenverantwortliches Denken und Handeln als Grundlage einer neuen Präventionsstrategie

Grundsätzlich zeichnet die Studie ein positives Bild für die Arbeitssicherheit in Hochrisiko-Branchen. Die Einschätzungen der jungen Erwachsenen können als Hinweis auf künftige Entwicklungen gesehen werden. Eigenverantwortung kann als wichtiges Element einer zukunftsfähigen Prävention genutzt und angesprochen werden. Dies allerdings nicht alleine, sondern im Kontext einer Gesamtprävention, die weiterhin auch Regeln und Kontrolle beinhaltet. Eigenverantwortung als ein kulturelles Thema ist dabei spezifisch im Kontext des jeweiligen Betriebs zu betrachten. All die Erkenntnisse dieser Studie fliessen in die aktuellen Arbeiten der Suva für eine neue Präventionsstrategie ein, welche eine gelebte Sicherheitskultur mit eigenverantwortlichen Denken und Handeln ins Zentrum setzt.