Das Phänomen der Spontanhelfenden ist in der Schweiz noch wenig bekannt. In seinem Gastreferat «Wir Menschen in der Katastrophe. Fliehen oder helfen? » gab Matthias Holenstein beim Jahresrapport der Feuerwehr und dem Zivilschutz St.Gallen einen Überblick über Herausforderungen von zivilen Spontanhelfenden und welche Risiken und Chancen zu erwarten sind.

 

In den Medien wird oft das Bild vermittelt, dass Katastrophen mit sozialem Zusammenbruch, Chaos, Plünderung, Panik und Gewalt einhergehen. Dabei handelt es sich aber eher um Mythen und Stereotypen. Es können zwar durchaus dysfunktionale und antisoziale Verhaltensweisen in Katastrophen auftreten. Die Empirie zeigt aber, dass gesamtgesellschaftlich gesehen Katastrophen ein Abbild der normalen «Alltagsituation» darstellen.  Das heisst, in Gebieten oder Ländern mit einer hohen Kriminalitätsrate wird auch im Katastrophenfall mit mehr Gewalt und Plünderungen zu rechnen sein. Es gilt also, in Katastrophensituationen die Grundbedürfnisse der Menschen zu befriedigen und eine gute Katastrophenkommunikation zu gewährleisten, welche die Bevölkerung über Hilfemassnahmen informiert (Bericht: Stiftung Risiko-Dialog, 2014).

Ein neueres Phänomen, das sich hinsichtlich von Katastrophensituationen zeigt, sind die sogenannten Spontanhelfenden. Sie können eine wichtige Unterstützung in Katastrophensituationen darstellen: sie leisten Hilfe – ungebunden an Hilfs- und Katastrophenschutzorganisationen oder die Feuerwehr. Vor allem in den USA und in Deutschland zeigt sich, dass über Social-Media-Kanäle Beiträge oder Gruppen dazu aufrufen, in Katastrophensituationen zu helfen. Einsatzmöglichkeiten sind beispielweise nach Stürmen oder Überschwemmungen Bäume aus dem Weg zu räumen, Sandsäcke zu füllen etc. Es können aber auch Tätigkeiten wie das Annehmen und Verteilen von Hilfsgütern oder die Versorgung von Betroffenen oder Einsatzkräften sein.

Damit die Zusammenarbeit von Zivilgesellschaft und öffentlicher Verwaltung funktioniert, hat der deutsche Feuerwehrverband eine Checkliste für Führungskräfte bezüglich Spontanhelfenden erstellt. Weitere Herausforderungen lassen sich auf operativer (Koordination, Sicherheit etc.), juristischer (Versicherung, Haftpflicht, Opferschutz etc.) und kultureller (neue Gesellschaftsform trifft auf etablierte Strukturen) Ebene formulieren (Risk and Resilience Report, ETH, 2019). Funktioniert die Kooperation mit den Spontanhelfenden, bieten sie eine gute Entlastung bei adäquater Einbindung und lokales Wissen von Einheimischen wird verfügbar. Auch die sichtbare Beteiligung von Teilen der Gesellschaft in Krisensituationen kann das prosoziale Verhalten von betroffenen und nicht-betroffenen Menschen fördern. Zudem wird der Einsatz von neuen Technologien als Vorteil im Notfall- und Katastrophenmanagement gesehen (ETH, 2019).

Da in der Schweiz noch kaum Erfahrungen mit Spontanhilfeeinsätzen vorhanden sind, gilt es erstmals, die Organe des Bevölkerungsschutz für das Thema zu sensibilisieren und den Dialog zu starten. Ein gegenseitiges Verständnis von Spontanhelfenden und offiziellen Institutionen (bspw. Militär, Feuerwehr) ist gefragt, um eine bestmögliche Bewältigung von Katastrophen sicherzustellen.