Der Diskurs über künstliche Intelligenz wird noch vorwiegend auf Expert_innenebene geführt,  obwohl die Bevölkerung in ihrem Alltag mit KI-Anwendungen in Kontakt steht. Aus diesem Grund fand anfangs Juni in Kooperation mit der SATW und den Akademien der Wissenschaften Schweiz unsere erste Veranstaltung zum Thema künstliche Intelligenz (KI) im Alltag statt.

 

Ziel des Abends war es, das Gespräch mit der Bevölkerung zum Thema künstliche Intelligenz zu suchen und diese einzubinden. Anhand von partizipativen Workshops wurden die empfundenen Chancen und Gefahren gegenüber dem Einsatz der Technologie diskutiert. Diese zu erheben ist essentiell, um Anwendungen von KI so zu gestalten, dass sie sich langfristig positiv auf unsere Gesellschaft auswirken. Die Veranstaltung bot einen aktiven Austausch zwischen den Teilnehmenden und ExpertInnen aus unterschiedlichen Anwendungsbereichen von KI.

 

PD. Dr. Markus Christen, Leiter der Digital Society Initiative der Universität Zürich, gab einleitend einen Überblick über das Thema künstliche Intelligenz und über deren Einbettung in kontrovers diskutierte Themen. Als Anregung zur Diskussion warnte er vor einer Überschätzung der Fähigkeiten von KI und betonte, dass neben dem Anwendungsbereich, die Erfahrung mit und Wissen über KI ebenfalls die Einschätzung von KI beeinflusst.
Die Teilnehmenden widmeten sich danach in drei Workshopgruppen der KI in verschiedenen spezifischen Anwendungsbereichen; KI in sozialen Medien, in Bewerbungsprozessen und in der Medizin. Die Workshops starteten mit einem Brainstorming in dem Chancen, Gefahren und allgemein Emotionen, welche die Teilnehmenden im jeweiligen Anwendungsbereich beschäftigen, zusammengetragen wurden. Anschliessend gaben die Fachexperten Hintergrundinformationen zu KI im Anwendungsbereich sowie einen vertieften Einblick in die aktuelle Anwendung und der Weiterentwicklung. Die eingangs im Brainstorming erarbeiteten und als am wichtigsten empfundenen Handlungsfelder wurden priorisiert und schlussendlich in Kleingruppen ausgewählte Fragestellungen diskutiert und Lösungsansätze zur Verbesserung besprochen.

 

Im Workshop «KI in sozialen Medien» von Tanja Rüedy und Michael Reiss, beide vom IKMZ der Universität Zürich, wurde der hohe Effizienz- und Komfortgewinn, welcher durch die zunehmende Individualisierung von Informationsangeboten entsteht, als eine grosse Chance genannt. Dieser wurde gleichzeitig auch als eine der Hauptgefahren genannt. Deutlich wurde, dass in diesem Anwendungsbereich eher Ängste und negative Assoziationen dominieren als, dass Chancen wahrgenommen werden. Themen wie die Filterblase und Fake News werden von der KI nicht als isoliert wahrgenommen. Besonderes Unbehagen löste die Art und Weise, wie unterschiedliche Informationszugänge den Meinungsbildungs- und damit auch den Demokratieprozess verändern aus.

 

Im Workshop «KI in Bewerbungsprozessen» demonstrierte die Expertin Chantelle Larsen Brandt, Future of Work Director Deloitte Switzerland, den Teilnehmern die künstliche Intelligenz «Amelia». Diese selektiert KandidatInnen anhand ihrer Lebensläufe, führt mit Ihnen erste Gespräche und vereinbart Termine zum zweiten Interview mit Firmenmitgliedern. Indem KI-Systeme in Bewerbungsprozessen anhand von Personen- und Performancedaten das künftige Verhalten von Bewerbern voraussagen und geeignete Kandidaten vorschlagen, erhöht dies die Effizienz von normalerweise sehr aufwändigen Rekrutierungsprozessen. Im Gegenzug geht dabei die menschliche Komponente verloren. Im Brainstorming kristallisierten sich fünf dominierende Aspekte heraus: Selektionseffizienz, Fremdsteuerungsängste, Objektivität bei der Vorauswahl, Dateneingabepflicht und der fehlende «Human Touch». Spielerische Pilotprojekte, gesetzliche Eindämmung bis hin zu interdisziplinärer Weiterentwicklung der Technologie waren Ideen, um diese Aspekte in Zukunft zu berücksichtigen und zu verbessern.

 

Im Workshop «KI in der Medizin» zeigte der Radiologe Dr. Alexander Ciritsis vom Universitätsspital Zürich auf, dass in der Medizin durchaus sinnvolle Anwendungen von KI bereits im Einsatz sind. Sein Anwendungsbeispiel war die Klassifizierung der Brustdichte in Bezug auf das Brustkrebsrisiko. KI kann repetitive Aufgaben ersetzen und Ärzte entlasten, damit diese wieder mehr Zeit für wichtigere Aufgaben hätten – bspw. die Betreuung von Patienten. Eine offene Frage, die beim Brainstorming im Workshop «KI in der Medizin» von einer Teilnehmerin gestellt wurde, war inwiefern man der Technologie mehr Vertrauen kann, als dem Menschen? Wenig umstritten schien der Glaube daran, dass die Technologie unser Leben bereichern kann, beispielsweise durch verbesserte Diagnostik und Therapie. Zu wenig Informationen seien verfügbar und Systemverbesserungen notwendig. Haftungsfragen sollten durch Beteiligung aller Stakeholder in Form eines Dialoges geklärt und durch Richtlinien geregelt werden.

Am Ende wurden die erarbeiteten Lösungen im Plenum vorgestellt und bei einem Apéro vertieft. Der Auftakt zur Veranstaltungsreihe «KI in unserem Alltag» ist in Zürich geglückt und wird u.a. noch dieses Jahr in einer anderen Schweizer Stadt weitergeführt, um verschiedene Schweizer Stimmen und Lösungsmodelle zu KI aufzunehmen und den Diskurs zu starten.

 

Glossar
Unter dem Begriff «Künstliche Intelligenz» KI (engl. «Artificial Intelligence» AI) verstehen wir hier Anwendungen des Computers, welche selbstständig aus Daten lernen, basierend auf diesen erstellen sie in neuen Situationen Vorhersagen. Solche Anwendungen können entsprechend relativ eigenständig Probleme lösen und Entscheidungen fällen.