8. Juni 2026

Wenn Planung an ihre Grenzen kommt, systemische Risiken noch vernetzter werden und Partikularinteresse wieder stärker in den Vordergrund rücke, gewinnt etwas anderes an Bedeutung: die Fähigkeit, mit dem Unerwarteten und Unsicherheiten umzugehen. Dies steht eng in Verbindungen zu Grundwerten Für unseren Geschäftsführer Matthias Holenstein ist klar: Risikomanagement steht an einem Wendepunkt. Wir müssen lernen, mit Paradoxien umzugehen.

 

 

Von der Planbarkeit zur Resilienz

«Risikomanagement wollte schon immer einen Weg finden, mit Unsicherheiten umzugehen. Lange Zeit war es stark auf Planung, Prognosen und Kontrolle ausgerichtet», sagt er. «Doch in einer Welt, die von Polykrisen geprägt ist und sich gesellschaftliche, technische und ökonomische Rahmenbedingungen verschieben, stossen klassische Ansätze immer öfter an ihre Grenzen.» Krisen überlagern sich, Technologieentwicklungen wie KI haben eine hohe Dynamik und schaffen mehr Unbekanntes als Klarheiten. Dynamiken verstärken sich gegenseitig – und nicht alles lässt sich im Voraus berechnen oder absichern. Aus all diesen Gründen rückt Resilienz ins Zentrum: die Fähigkeit von Organisationen und Gesellschaften, mit Unsicherheit, Brüchen und Überraschungen umzugehen, ohne handlungsunfähig zu werden. Von der Idee, einzelne planbaren Szenarien zu bewältigen werden wir uns für systemisch relevante Risiken verabschieden müssen.

 

 

Funktionieren Trade-Offs noch?

Etabliertes Risikomanagement basiert inhärent auf Abwägungen zwischen Risiken, deren Wirkungen und möglichen Schutzmassnahmen Rationalität, Wissenschaft oder technische Grundlagen sind dafür zentrale Grundlagen. Aber dort, wo eindeutige Abwägungen und klassische Trade-Offs nicht mehr greifen oder v. a. politisch nicht mehr gewünscht sind, braucht es neue Formen des Umgangs mit Risiko. Dies gilt insbesondere an der Schnittstelle zwischen Fachgrundlagen und politisch oder unternehmerischen Entscheidungsprozessen. «Physik lässt sich nicht verhandeln und gewisse Systeme müssen schlicht funktionieren», so Matthias Holenstein. Vielleicht wird es einen stärker rationalen Risikoumgang auf der Fach- und Organisationsebene geben, deren Ergebnisse den Entscheidungsträger:innen aber in ihrer Denk- und Emotionswelt vermittelt werden muss.

 

 

Dialog, Werte und Kooperation – gerade jetzt

In den letzten Jahrzehnten hat sich gezeigt, wie zentral Stakeholder-Management und Dialog sind, um unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen in die Bewertung von Risiken und tragfähige Massnahmen zu gestalten. Heute jedoch geraten genau diese Ansätze teilweise zunehmend unter Druck. Weltpolitische Spannungen, Machtlogiken und kurzfristige Interessen färben auch auf den Umgang mit Risiken ab. Gleichzeitig verschieben sich die Themen: Weg von rein technischen Fragestellungen hin zu Fragen menschlichen Handelns – gerade bei Sicherheit, Vertrauen oder der Nutzung von Künstlicher Intelligenz und im Berich der Security. «Risiken sind heute stärker sozial, politisch und wertebasiert geprägt. Zudem ist klar geworden: Mehr Wissen heisst nicht mehr Handeln.», sagt Matthias Holenstein. «Umso wichtiger ist es, Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Rationalitäten und Werte offen verhandelt werden können und alltagsnahe Massnahmen zu gestalten.» Eine grosse Herausforderung des permanenten Wandels bleibt, sich weder der rein kurzfristigen Hektik hinzugeben noch die langfristig grossen Themen wie Klimawandel zu vernachlässigen. Umso dringlicher, da die Klimakrise schon heute ein Brandbeschleuniger für Konflikte und sowohl individuelle (Hitzesommer) als auch systemische Risiken (Versorgungssicherheit).

 

 

Mit Paradoxien umgehen

Risiko-Dialog konnte in den letzten bald 40 Jahren verschiedene Phasen im Umgang mit Risiken begleiten. Die Abbildung ist letztlich ein Abbild technologischer, umweltbezogener- und gesellschaftlicher Entwicklungen. Heute stehen wir vor einer neuen Phase. Wie in vielen anderen Bereichen gilt es als (neue) hohe Kunst im Risikomanagement, mit Paradoxien umzugehen: Wie schaffen wir kurzfristige Sicherheitsthemen mit langfristiger Entwicklung kombinieren? Wie können wir Rationalität mit menschlichen Emotionen und Interessenkonflikt kombinieren? Konstanz und Innovation sind gleichzeitig gefordert. Es bleibt in aller Kürze dabei: Sicherheit war und ist Austarieren von Grundbedürfnissen wie Sicherheit, Freiheit und Ressourcen und damit eng mit Werten verbunden. Wir wollen als Risiko-Dialog genau hier ansetzen: Co-Benefits zwischen Risikomassnahmen beispielsweise zu Klimaschutz und Katastrophenmanagement. Dialog ermöglichen, Perspektiven verbinden und damit Resilienz stärken – in Organisationen, in der Politik und in der Gesellschaft. Optimistisch, aber nicht naiv. Klar in der Haltung, offen im Gespräch. Denn gerade in turbulenten Zeiten ist eines zentral: Sicherheit entsteht nicht durch Abschottung, sondern durch gemeinsames Verstehen und Handeln.