Geld, Gene und Gespenster

Bioworld, 03/2003

Traut man Umfragen, gilt die "grüne" Gentechnik immer noch als Risiko. Sie wird mit Elektrosmog und Amalgam in einem Atemzug genannt. Diese Technologien gelten unter Experten gemeinhin als Phantomrisiken. Eine neue Kategorie von Risiken mit besonderer Brisanz. Bei Phantomrisiken besteht kein gesicherter Zusammenhang zwischen Ursache und Auswirkung. Die möglichen ökonomischen Schäden sind aber umso gravierender. Der folgende Artikel beleuchtet, welches die Besonderheiten von Phantomrisiken sind und wie ihnen begegnet werden kann.

 

Von Christoph Meili

 

Phantomrisiken im Bereich Lebensmittel

Im Herbst 2000 rief der US-Lebensmittelkonzern Kraft-Foods in einer beispiellosen Rückrufaktion alle Produkte der Marke Taco-Bell aus den Supermärkten zurück. Der Grund: In Maisfladen waren Spuren der nicht als Lebensmittel zugelassenen gentechnisch veränderten Maissorte "StarLink" gefunden worden. Landesweit wurden neben den Taco-Bell-Produkten noch über 300 weitere Produkte aus den Regalen genommen. Der Hersteller musste in der Folge Rückstellungen in dreistelliger Millionenhöhe machen um allfällige Haftungsfolgen und Rückkaufkosten auffangen zu können. Das war allerdings erst der Anfang. Der gentechnisch veränderte Mais geriet zudem in Verdacht, beim Menschen Allergien auszulösen, da sich das gentechnisch veränderte Protein im menschlichen Darm weniger gut abbauen lässt, als konventionelle Proteine. Dies löste unter der amerikanischen Bevölkerung und in den Medien heftige Reaktionen aus. Hunderte von Personen meldeten sich bei den Gesundheitsbehörden und klagten über verschiedene allergische Reaktionen. Obwohl die nachfolgenden Untersuchungen den Allergieverdacht in keinem Fall bestätigt haben, konnte dieser auch nicht grundsätzlich widerlegt werden. Das Phantomrisiko hatte zugeschlagen. Gentechnisch veränderten Lebensmitteln haftet seither trotz genauer wissenschaftlicher Prüfung das Stigma der "potenziellen Allergiesauslöser" an.

 

Phantomrisiken sind Ausdruck gesellschaftlicher Unsicherheit

Im Gegensatz zu gewöhnlichen Risiken (z. B. Autofahren) bei denen ein kausaler Zusammenhang zwischen Ursache (überhöhte Geschwindigkeit) und Auswirkung (Kollision) besteht, ist bei einem Phantomrisiko ein solcher Zusammenhang unsicher. Geprägt wurde der Begriff Ende der 80er Jahre von Philip Abelson, einem amerikanischen Wissenschaftsjournalisten. Er wollte damit die öffentliche Überreaktion auf potenziell denkbare Gesundheitsrisiken karikieren. Gemeint waren Risiken, die immer wieder Medien und Öffentlichkeit beschäftigen, zu denen auch immer wieder neue Studien und Gegenstudien publiziert wurden, ohne dass bis dato ein schlüssiges Resultat vorgelegt werden konnte.
Phantomrisiken sind Phänomene gesellschaftlicher Unsicherheit. Sie kommen immer dann zum Vorschein, wenn bei gesellschaftlicher Ungewissheit, medial unterstützt, Sanktionspotenziale aufgebaut werden. Ob also z.B. zwischen Allergien und gentechnisch veränderten Lebensmitteln grundsätzlich ein Zusammenhang besteht, kann, weder bewiesen noch ausgeschlossen werden. Das Risiko ist nicht fassbar. Real und fassbar sind allerdings die wirtschaftlichen Folgen. Neben dem Imageschaden den ein Unternehmen erleidet, können Schadenersatz- oder Haftpflichtforderungen z.B. bei Sammelklagen schnell existenzgefährdende Ausmasse annehmen.
Als Beispiele für Phantomrisiken gelten neben GVO unter anderem Amalgam, Silikonimplantate, Elektromagnetische Strahlung und Mikrowellen beim Kochen.

 

Phantomrisiken und Versicherungen

Von besonderem Interesse sind Phantomrisiken für die Versicherungen. So publizierte die Schweizer Rück Ende der neunziger Jahre zwei Schriften zu diesem Thema. Die eine zum Thema Elektrosmog die andere zur Gentechnik . Für den weltweit tätigen Rückerversicherungskonzern ist beispielsweise die Elektrosmog-Problematik weit gefährlicher und bedrohlicher, als gemeinhin erwartet. Nicht so sehr wegen der Gesundheitsrisiken der Strahlung, sondern viel mehr wegen der unkalkulierbar grossen, gesellschaftspolitischen Änderungsrisiken. Unter einem Änderungsrisiko wird ein sich mit der gesellschaftlichen Meinung veränderndes Risiko verstanden. Bei der Bewertung und Einschätzung solchen Änderungsrisiken spielen gesellschaftliche Werthaltungen und Meinungen eine zentrale Rolle. Meinungen können sich angesichts grosser Schlagzeilen sehr rasch ändern und beeinflussen auch die Rechtsprechung. Wird eine bestimmte Technologie von der Gesellschaft als potenziell gefährlich eingestuft, wird ihr auch eher ein Schaden zugetraut. Es ist nur eine Frage der Zeit bis sich die Rechtsprechung dieser Auffassung anschliessen wird. Wenn bei Schadenersatzklagen keine eindeutige und 100%-ige Kausalität zwischen Ursache und Schaden nachgewiesen werden kann, dann verschieben sich gleichzeitig auch die Haftungsgrundsätze. Von der reinen Verschuldenshaftung hin zur Gefährdungs- bzw. Vermutungs- bis hin zur Verdachtshaftung. Im Extremfall genügt ein leiser Verdacht für eine Klage. Wenn dann noch die Beweislastumkehr (der Schädiger muss beweisen, dass er unschuldig ist) dazu kommt oder gar Sammelklagen drohen, dann können solche Risiken für die Betroffenen (Versicherungen, Industrie) rasch und massiv aus dem Ruder laufen.

 

Monarchfalter und Monstermais: Gentechnik als Phantomrisiko in der Umwelt

Im Sommer 1999 beobachteten Forscher in Laborexperimenten, dass Pollen von gentechnisch verändertem, insektenresistentem Bt-Mais für die Raupen des Monarchfalters toxisch sind. Mit diesem Experiment sollte die Situation simuliert werden, bei welcher der Wind den Pollen vom Mais auf die Futterpflanze der Raupe überträgt. Die Bevölkerung reagierte geschockt. Zum einen handelt es sich beim Monarchfalter um einen bekannten und sehr beliebten Schmetterling, den jedes Kind kennt. Zum anderen beobachteten Experten seit längerem einen Rückgang der Population. Der Schluss lag nahe: Bt-Mais ist für den Schwund dieser Art mitverantwortlich. Damit hatte die "grüne" Gentechnik bei vielen Amerikanern ihre Unschuld verloren und stand fortan im Geruch, für die Umwelt und wahrscheinlich auch für den Menschen schädlich zu sein. Der Expertenstreit, ob die durchgeführten Experimente auch unter Freilandbedingungen realistisch sei oder nicht, interessierte die breite Öffentlichkeit nicht mehr. Was zählte war: Aus einem Verdacht war plötzlich Gewissheit geworden. Auch in Europa war damit die Akzeptanz der "grünen" Gentechnik auf einem Tiefpunkt angekommen. Das Phantomrisiko Gentechnik hatte mit einem Schlag reale Konturen erhalten. Und dabei wurde klar: Bei Phantomrisiken geht es nicht darum, wie gross das Risiko tatsächlich ist, sondern als wie grosse es wahrgenommen wird.

 

Das Risiko wird real, wenn man es beim Namen nennt.

Die Risikoabneigung einer Gesellschaft steht in Korrelation zu ihrem Wohlstandsgrad. Dort wo Menschen um das nackte Überleben kämpfen, kümmert sich niemand um Phantomrisiken. Dort wo sich ein Gesellschaft nicht mehr mit Fragen des reinen Überlebens auseinandersetzt, steigt auch die Zahl der Phantomrisiken. Dabei handelt es sich aber keineswegs um irreale Risiko-Hirngespinste einer übersättigten Wohlstandsgesellschaft. Phantomrisiken sind real. Selbst wenn es sich nur um denkbare Gefahren handelt, deren Kontur und Gestalt wir nicht erkennen können und die möglicherweise nicht einmal existieren. Phantomrisiken manifestieren sich in der realen Angst, die sie auslösen und sie werden wirklich in und durch die Folgen. Etwa in Klagen, die sie provozieren und in der Gesetzesmaschine, die sie in Gang bringen. Dies ist das unheimliche an Phantomrisiken. Sobald sie beim Namen genannt werden, sind sie real.

 

Die Karriere von Phantomrisiken

Das Unbehagen der Gesellschaft gegenüber einer neuen Technologie wird durch die Angst ausgedrückt. Je grösser die Angst, desto grösser und gefährlicher wird das Phantomrisiko empfunden und desto drastischer fallen die Massnahmen zur Überwindung aus. In manchen Fällen durchaus zu Recht: Zu Beginn der 90er Jahre war die Infektion des Menschen mit der neuen Creutzfeldt-Jakob Krankheit (vCJK) durch den Genuss von Rindfleisch ein Phantomrisiko. Man nahm an, dass eine Übertragung auf den Menschen durch Tiere unwahrscheinlich sei. 1996 gab es die ersten Fälle von vCJK und damit wurde aus dem Phantomrisiko schlagartig eine ernste Gefahr. Bis heute sind rund 120 Menschen an der Krankheit gestorben. Niemand weiss, wie viele es in Zukunft noch sein werden. Zynischerweise war mit dem Ausbruch von BSE das gleiche Phantomrisiko bei einer anderen Spezies bereits ein erstes Mal real geworden. Das Verfüttern von Tiermehl an Rinder galt unter Experten bis 1986 als unproblematisch. Bei Phantomrisiken gibt es scheinbar keine Lernkurven. Den umgekehrten Fall gibt es glücklicherweise auch. So hatte sich das Mitte der 80er Jahre angekündigte Waldsterben in Mitteleuropa nicht bewahrheitet. Neben diesen schnellen und eindeutigen Karrieren von Phantomrisiken entweder in Richtung Risiko oder Nicht-Risiko gibt es auch Fälle, wo die Ungewissheit lange andauert. Die Auswirkungen von Amalgam, Elektrosmog, Silikonimplantaten und Mikrowellen auf die menschliche Umwelt sind nach wie vor umstritten.

 

Der Umgang mit Phantomrisiken

Für den proaktiven Umgang mit Phantomrisiken braucht ein Unternehmen zum einen aussagekräftige Risiko-Szenarien und zum anderen eine umfassende Risiko-Kommunikationsstrategie mit allen beteiligten Akteuren. .
Bei Phantomrisiken ist es weniger wichtig nach den genauen Ursachen zu forschen, da die Zusammenhänge oft im Dunklen liegen. Vielmehr geht es darum, mögliche Auswirkungen proaktiv zu untersuchen und mit Hilfe von Phantomrisiko-Szenarien mögliche Entwicklungen und die eigene Betroffenheit "vorwegzudenken". Dies gilt für Unternehmen, welche von Phantomrisiken direkt (eigene Produkte, Kunden, Lieferanten) oder indirekt betroffen sind. Folgende Phantomrisiko-Szenarien wären z.B. denkbar:
a) Eine neue Studie zeigt, dass das Produkt X unter bestimmten Bedingungen Krebs verursachen kann. In den USA haben sich mehrere Selbsthilfegruppen gebildet. Sammelklagen sind nicht ausgeschlossen.
b) Das Produkt Y ist seit längerer Zeit Gegenstand einer kontroversen Diskussion in den Medien. Die wissenschaftlichen Fakten sind unklar. Die Medien allerdings haben bereits Partei gegen das Produkt ergriffen.
Das Ziel solcher Szenarien ist die Beurteilung der Risiken in Bezug auf die eigene Betroffenheit und die Entwicklung von Massnahmen für den konkreten Fall.
Der Risikokommunikation kommt bei Phantomrisiken eine entscheidende Bedeutung zu. Erstaunlicherweise sind es bei allen Phantomrisiken immer die gleichen Kommunkationsfehler, welche den Schaden noch zusätzlich vergrössern. Abstreiten und negieren von Gefahren ist meist der erste Fehler. Lässt sich das Risiko nicht mehr aus der Welt schieben wird es bagatellisiert und kleingeredet. Hat die Krise dann ihren meist medialen Höhepunkt erreicht, hilft nur noch, die Schuld auf andere oder das Schicksal abzuschieben und sich somit aus der Verantwortung zu stehlen. Diese "klassischen" Fehler in der Risiko-Kommunkation machen deutlich, dass ein proaktiv gestalteter Risiko-Dialog zusammen mit der Ausarbeitung von Risiko-Szenarien zwar keinen absoluten Schutz vor Phantomrisiken aber zumindest eine bestmögliche Vorbereitung bieten.

Stiftung Risiko-Dialog St. Gallen | Hirtenweg 7 | 9010 St. Gallen | Tel. +41 52 551 10 01 | info@risiko-dialog.ch
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