Status Quo und Herausforderung der Wissenschaftskommunikation in Deutschland

Erstellt: 02. Mai 2005

Bericht zur Expertenbefragung im Rahmen der Evaluation des "Jahrs der Technik", Mai 2005

Melanie Borgmann, Cornelia Keller-Ebert

Im Auftrag des Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Köln 02/2005

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Auszug aus der Studie unter Mitwirkung von Antje Grobe (S. 52ff):

Meinungsdialog zu Wissenschafts- und Technik-Themen in der Schweiz:
TA-SWISS und Stiftung Risiko-Dialog

Die Schweizerinnen und Schweizer sind es, anders als Bürgerinnen und Bürger in Deutschland, gewohnt, zu bestimmten Themen immer wieder abzustimmen. Das heißt, es gibt eine Tradition und eine Notwendigkeit für einen gesellschaftlichen Dialog über die Themen, für die eine Entscheidung gefunden werden soll. Dies bedingt sich v.a. durch die direkte Demokratie des Landes. Würde die Politik schnelle Lösungen nach ihrem Willen durchsetzen wollen, bestünde stets die Gefahr, dass diese Entscheidungen (bspw. neue Gesetze) vom Volk durch Referenden gestoppt werden, womit nicht nur Zeit, sondern auch Geld verloren ginge. Das Interesse an einem partizipativen Vorgehen zur Absicherung der möglichen Lösungen ist demnach groß.
Es konnte hier in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht werden, dass ein gut moderierter und gemanagter Dialogprozess die Lösungen nicht wie befürchtet verzögert, sondern den Prozess sogar abkürzen kann.22 Dadurch, dass alle Verfahren und ihre Ergebnisse öffentlich sind, ist der gesamte Prozess der Entscheidungsfindung oder Gesetzgebung sehr transparent.

Es sollen zwei Akteure vorgestellt werden, die sich in der Schweiz (und darüber hinaus) im Feld der Entscheidungsvorbereitung durch Dialogprozesse bewegen: Die TA-SWISS und die Stiftung Risiko-Dialog.

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Eine institutionalisierte Zusammenarbeit der Stiftung Risiko-Dialog mit der TA-SWISS, gibt es nicht. Es ließe sich besser von einer gegenseitigen Ergänzung der Arbeit sprechen. Dies wird v.a. mit den unterschiedlichen Ansätzen der beiden Einrichtungen begründet. Die Einrichtungen nehmen die Angebote der anderen war und nutzen Ergebnisse gegenseitig. Die TA-SWISS begrüßt die Arbeit der Stiftung insbesondere deshalb, weil die eigenen Mittel, über die partizipativen Verfahren hinaus einen gesamtgesellschaftlichen Dialog anzustoßen, begrenzt sind. Dies wird durch die Arbeit der Stiftung Risiko-Dialog unterstützt. Trotz unterschiedlicher Ansätze ist es das gemeinsame Ziel der beiden Einrichtungen, dass die in der Schweiz durch die Bürgerinnen und Bürger getroffenen Entscheidungen zu Wissenschafts- und Technik-Themen möglichst bewusst und informiert stattfinden.

Die Stiftung Risiko-Dialog ist, verglichen mit der TA-SWISS, in der Ausrichtung ihrer Arbeit breiter. Der folgende Text beruht auf dem Interview mit Dr. Antje Grobe und wurde durch sie weiter bearbeitet.

 

„Dialoge haben Tradition in der Schweiz"

Die direkte Demokratie in der Schweiz mag man Vorbild oder abschreckendes Beispiel begreifen – eines hat sie mit Sicherheit bewirkt und das ist eine gefestigte Dialogtradition zwischen allen gesellschaftlichen Gruppierungen. Das Gesetzgebungsverfahren der Schweiz ist ohne intensive Konsultationen aller beteiligter Interessengruppen nicht sinnvoll durchzuführen. Die Möglichkeiten, durch parlamentarische Eingaben, Initiativen und Referenden direkt auf die Gesetzgebung einzuwirken, erzeugen einen gewissen Konsensdruck, der im Vorfeld der Regulierung wie auch während des Prozesses Dialoge nahe legt. Den Bedarf an Dialogen erkennen nicht nur die Behörden an. Industrie oder Verbände suchen zur politischen Orientierung, zur konkreten Entscheidungsfindung oder als gesellschaftlich ökologische Korrekturinstanz´ ebenfalls gezielt den Austausch mit der Wissenschaft oder den NGO´s.

Aber zurück zur Gesetzgebung: Ziel von Regulierungs-Dialogen, wie z.B. zur Stammzellengesetzgebung ist es, frühzeitig alle Stakeholder einzubeziehen, die verschiedenen Interessen auszuloten und Handlungsoptionen für die Gesetzgebung gemeinsam abzustimmen. Dies wird z.B. mit großen öffentlichen Symposien erreicht, an denen Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft, Patientenverbänden und Kirchen diskutieren.27 Die sich abzeichnenden Meinungsbilder werden von den anwesenden Behördenvertreterinnen und Vertretern intensiv ausgewertet und fließen direkt in den Gesetzgebungsprozess ein. Dieser Aufwand hat sich für die Stammzellenforschung gelohnt, denn das entsprechende Gesetz wurde von den Schweizerinnen und Schweizern mit 66% Zustimmung bestätigt. Das überraschend eindeutige Ergebnis hat den eingeschlagenen Weg intensiver gesellschaftlicher Dialoge bestätigt.

 

Wissenschafts-Dialoge als Grundlage für die Regulierung von `emerging Technologies´

Die lange Dialogtradition kommt der Schweiz nun bei der Regulierung neuer Technologien wie aktuell z.B. der Nanotechnologie zugute. Typisch für die Gesetzgebungs- oder Verordnungsebene in ganz Europa ist es, dass die Verfahren unter großem Zeitdruck stehen, öffentlich bereits in der Diskussion sind und von den Behörden eine Führungsrolle erwartet wird. Die Erfahrungen aus der Gentechnologie und der Stammzellenforschung haben gezeigt, dass bereits nach einer Regulierung gerufen wird, bevor die Risikopotenziale hinreichend untersucht werden können. Die Beschleunigung hat für die Regulierung der Nanotechnologie eher noch zugenommen. Oft sind die Technologien oder Materialien so neu, dass das zur Beurteilung erforderliche Wissen erst generiert werden muss. Von den noch unmöglichen Langzeitstudien abgesehen, fehlen oft die Daten für Wirkungsweisen auf Mensch, Tier und Umwelt. Die Behörden allein können diese Aufgabe nicht schultern. Kooperationen zwischen forschender Industrie, Wissenschaft, Berufsgenossenschaften, Versicherungen, Institutionen zur Forschungsförderung, Regulierungsbehörden und der Politik nehmen an Bedeutung zu. Gemeinsam müssen Wissenslücken identifiziert und geschlossen werden. Dabei geht es nicht nur um eine schnelle Gesetzgebung oder Verordnungsebene, sondern auch um den Aufbau eines kontinuierlichen Prozesses, der systematisch neu entstehendes Wissen mit einbezieht. Der Wissenschafts-Dialog wird zur Notwendigkeit. Die darauf aufbauende Regulierung wird typischer Weise reversibel zu konzipieren sein, damit sie sich dem jeweils neuesten Stand der Forschung anpasst. Das ist ohne eine produktive Kooperation im Dialog nicht zu leisten.

 

Einbindung in die gesellschaftliche Debatte

Die Erfahrungen aus der Gentechnik und der Stammzellenforschung legen nahe, dass die Regulierungsverfahren zunehmend auf Aspekte der öffentlichen Risikowahrnehmung Rücksicht nehmen müssen. Es macht also durchaus Sinn, die Bürgerinnen und Bürger ebenfalls frühzeitig in die Dialoge einzubeziehen, oder ein Netzwerk von Dialogen aufzubauen, die den verschiedenen Zielsetzungen Rechnung tragen. International lässt sich so etwas wie ein Trend zu breiter angelegten Dialogen verzeichnen. Galt noch in der Gentechnik-Debatte die Devise, dass ein Mehr an Information auch mehr Akzeptanz erzeugt, so hat sich dieses Dialogmodell inzwischen auf den Kopf gestellt. Selbst Profis in Sachen Wissenschaftskommunikation, die jahrzehntelang auf bessere Information setzten, um die `Defizite´ in der Öffentlichkeit zu verringern, sprechen jetzt in Zusammenhang mit der Nanotechnologie von der Notwendigkeit breit angelegter, gesellschaftlicher Dialoge. Die Britische Royal Society dokumentiert diesen Wandel eindrucksvoll im 2004 erschienenen Report zur Nanotechnologie. Das Upstream-Modell hat das Defizit-Modell ersetzt.

In der Schweiz gibt es seit langem verschiedene Anbieter die unterschiedliche Typen von Dialogen veranstalten. Die Aufgabenteilung hat sich dabei über die Jahre gut entwickelt. Die TA-SWISS leistet z.B. mit Ihren PubliForen und Focusgruppen einen klar definierten Beitrag dazu, politische Entscheider zu informieren, indem sie Ergebnisse partizipativer Verfahren den Parlamentarierinnen und Parlamentariern zur Verfügung stellt. Die Stiftung Science é Cite veranstaltet Dialoge zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, die die Wissensvermittlung oder die Diskussion eines Themas zwischen Bürgern und Experten unterstützen. Die Stiftung Risiko-Dialog als dritter Akteur in der Schweiz konzipiert, moderiert und begleitet Stakeholder-Dialoge, die der konkreten Entscheidungsvorbereitung dienen. Auftraggeber sind hier Bundesämter, Verbände, Unternehmen oder wissenschaftliche Institutionen. Sie alle kommen mit einem konkreten Anliegen oder Thema, dass zwischen den Stakeholdern erarbeitet werden soll. Auch die veranstalteten Bürger-Dialoge der Stiftung dienen in der Regel der konkreten
Entscheidungsvorbereitung. Die Dialoge der verschiedenen Anbieter sind nicht systematisch verknüpft, da die Organisatoren aber teils in engem Kontakt stehen, bauen die Veranstaltungen inhaltlich aufeinander auf. Vielleicht kann man sich Dialoge in der Schweiz wie ein Netz mit vielen Knoten oder eine Patchworkdecke mit vielen Farben vorstellen. Erst wenn man die mühevoll geknüpften Teile
zusammenbringt, kann ein Netz, das trägt oder eine wärmende Decke entstehen.

 

Dialoge der Stiftung Risiko-Dialog

Wer denkt, dass das Ziel eines Dialogs Konsens und Harmonie sein muss, ist auf dem Holzweg. Eher das Gegenteil könnte der Fall sein. Es ist unrealistisch anzunehmen, dass verschiedenen Interessengruppen sich selbst zugunsten einer noch so ausgefeilten Dialog-Methode aufgeben. Das ist auch nicht beabsichtigt. Vielmehr geht es um den produktiven Umgang mit Dissens, um eine gesellschaftlich sinnvoll Balance. Die verschiedenen Perspektiven der Stakeholder werden genutzt, um neue Lösungen oder Handlungsoptionen zu erarbeiten, die gemeinsam getragen werden können – trotz oder vielleicht gerade wegen der Differenzen.

Die Dialoge folgen einem Ablauf in 4-Phasen:Zunächst werden Werte, Interessen und Ziele im Dialog thematisiert, bevor in der zweiten Phase eine Abstimmung der konkreten Fragestellung, der verwendeten Methoden und dazu notwendigen Akteure gemeinsam stattfindet. Erst anschließend (Phase 3) geht es um die konkrete Bearbeitung von Themenfeldern wie z.B. der Atomenergie, der Grünen Gentechnik, der Stammzellenforschung oder der Nanotechnologie. In Phase 4 geht es um verbindliche Ergebnisse, die Frage der Veröffentlichung und weiterer Anknüpfungspunkte. Werden nicht alle Phasen gleichrangig behandelt, treten Dialoge schnell auf der Stelle, müssen aufwendige Schlaufen durchlaufen oder verebben als `schöne Worte´. In der Praxis wird unterschieden, ob die Dialoge mit Bürgerbeteiligung stattfinden oder reine Stakeholder-Dialoge sind.

 

Dialoge mit Bürgerinnen und Bürgern

Bürgerdialoge unterliegen eigenen Gesetzmäßigkeiten und faszinieren durch ihre oft unvorhersehbare Dynamik. Manchmal kommt man sich als Moderator oder Moderatorin vor wie beim Ritt auf einem wilden Pony – man weiß nie ob es einen gleich abwirft, in die eine oder andere Richtung auskeilt oder einfach stehen bleibt, um zu grasen. Bürgerdialoge finden in der Regel in größeren Veranstaltungen von ca. 50 - 150 Personen statt. Da sie heute mit einer Vielzahl von Informationsangeboten konkurrieren, wird in der Regel auf eine gute Mischung aus Unterhaltung, Information und interaktiven Elementen gesetzt. Aber auch hier gilt die Devise, dass es auf das Ergebnis ankommt. Aus vielen Evaluationen wissen wir, dass niemand heute ohne spezifische Erwartungen an eine solche Veranstaltung geht. Werden Informationen versprochen, müssen die Experten nicht nur fachlich hochklassig, sondern auch rhetorisch und didaktisch fesselnd sein. Werden Dialoge versprochen, zieht jede Diskussion die Frage nach sich, was mit den Ergebnissen passiert und wer für die Umsetzung der Anregungen Sorge trägt. Dialoge setzten außerdem voraus, dass Beteiligung tatsächlich möglich ist und eine große Zahl von Publikumsvoten gehört werden kann. Hierfür hat sich die Unterteilung von Großgruppen und Kleingruppen sowie die Arbeit an Tischgruppen bewährt, die sowohl untereinander diskutieren, als auch ihre gesammelten Voten ins Plenum geben. Die Moderation kann dann eine Art `Themenprofil´ der Bürgerinnen und Bürger heraus kristallisieren, teilweise lassen sich ganze to-do-Listen erarbeiten.
Am Beispiel der Stammzellen-Dialoge in der Schweiz lässt sich zeigen, dass die anwesenden Behördenvertreterinnen und Vertreter sehr nachdrückliche Impressionen mit nach Hause nehmen und die Anregungen systematisch weiterverfolgt werden. Der öffentliche Druck, die Ergebnisse auch tatsächlich zu berücksichtigen, ist allerdings in der Schweiz aus den eingangs angedeuteten Gründen sehr viel höher als in Deutschland oder Österreich. Methodisch betrachtet wäre für diese Art der Bürgerdialoge eine repräsentative Auswahl der Beteiligten
sicher der Idealzustand. Als Orientierungsdialoge erfüllen sie aber auch über den Weg einer offenen Veranstaltung ihren Zweck, solange die Zusammensetzung des Publikums bei den Interpretationen und in der Evaluation berücksichtigt wird. Der Verbindlichkeit schadet die bei offenen Einladungen normalerweise anzutreffende Interessenprädisposition der Bürger nicht. Im Gegenteil, die häufige `bunte Mischung´ aus nur am Rande interessierten, stark involvierten, teilorganisierten oder organisierten Bürgerinnen und Bürgern erzeugt oft eine eigene Art der Verbindlichkeit, getätigte Versprechen von Seiten der Experten oder Behörden auch tatsächlich umzusetzen.

 

Stakeholder-Dialoge

Stakeholder-Dialoge ohne Bürgerbeteiligung werden in der Regel von Behörden oder Unternehmen initiiert. Sie dienen der konkreten Entscheidungsvorbereitung oder der gemeinsamen Wissensgenerierung. Innerhalb der Wirtschaft spielen besonders Versicherungen eine wichtige Rolle als Veranstalter. Sie nutzen schon seit vielen Jahren Dialoge als Frühwarnsysteme, um ihre Geschäftsfelder strategisch auszurichten und inhaltlich sinnvolle Leitplanken zu definieren. Gerade die Rückversicherer laden zu solchen Veranstaltungen Stakeholder aus allen gesellschaftlichen Bereichen ein, um sich ein Bild von den teils kontroversen Argumentations- und Wahrnehmungsmustern zu machen.

Im Themenbereich der neuen Technologien laufen insbesondere forschende Konzerne den Versicherungen inzwischen den Rang als Dialoginitiatoren ab. Seit über 10 Jahren gibt es beispielsweise Dialoggruppen zwischen Industrie (Pharmabereich, Chemie), den Öko-Instituten e.V. aus Freiburg und Berlin sowie dem Österreichischen Ökologie Institut, Wien. Begleitet von der Stiftung Risiko-Dialog wurde zu Patentierung, Nachhaltiger Entwicklung und grüner Gentechnik, zur Global Reporting Initiative und aktuell zur Nanotechnologie gearbeitet.

Am Beispiel der grünen Gentechnik wurde ein Methodenmix entwickelt, das dem eingangs beschriebenen 4-Phasen-Modell folgte. Nach dem Themenfindungsprozess wurden gemeinsam mit Hilfe von PROSA (Product Sustainability Assessment)31 Bewertungskriterien eines konkreten Produktes identifiziert. Anschließend wurden die Differenzen und Übereinstimmungen in der Bewertung anhand eines Dialogprofils sichtbar gemacht. Die wesentlichen Bewertungsunterschiede für den Gentech-Mais zeigten sich übrigens nicht wie erwartet bei den ökologischen Fragen, sondern eher in den Bereichen soziale und ökonomische Faktoren der Nachhaltigkeit. Die Öko-Institute wiesen vor allem auf die fehlende Kennzeichnung und die Auswirkungen einer möglichen Koexistenz gentechnisch veränderter und ökologischer Landwirtschaft hin. Da dieser Dialog bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Debatte stattfand, konnte der prognostische Wert der Erkenntnisse, was den Kern zukünftiger, strittiger Themen anging, gut genutzt werden. Das in den Dialogen aufgebaute Vertrauen dient bis heute als Basis und Anknüpfungspunkt für neue Themen.

Im Bereich Nanotechnologie wurde ein Ansatz entwickelt, der Produktbeispiele aus dem Pharmabereich (Drug-Delivery) und dem Chemiebereich (Lacke) dialogisch zusammenführt und aufarbeitet. Industrie und NGO´s erstellen vergleichende Lebenszyklus-Analysen von Nicht-Nano-Produkten und Nano-Produkten, um zu identifizieren, welche Effekte sich ursächlich auf die Nanotechnologie zurückführen lassen. Das dazu notwendige toxikologisches Assessment wird durch frühzeitig in den Dialog einbezogene Experten ergänzt. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die für die Pharma- und Chemieindustrie gleichermaßen wichtige soziologische Forschung zur Risikowahrnehmung bei Bürgerinnen/Bürgern. Größter Vorteil aus der langen Dialogtradition der beteiligten Stakeholder sind die Synergieeffekte, die trotz unterschiedlicher Themen (Drug-Delivery und Lacke) entstehen. Da verschiedene Elemente der Technikfolgenabschätzung methodisch wie inhaltlich trotz unterschiedlicher Cases in beiden Gruppen ähnlich sind, kann aus dem gemeinsamen Wissenspool geschöpft werden. Die Kosten reduzieren sich deutlich.
Ergebnis dieses Dialogs ist eine abschließende Bewertung ggf. mit der Ableitung möglicher Handlungsempfehlungen an Behörden oder Ministerien.

 

Entwicklung von Dialogen in der Zukunft

Experteninterviews in der Wirtschaft, Wissenschaft und bei den Behörden zeigen, dass sehr frühzeitige Regulierungen für aufkommende Technikthemen durchaus erwünscht sind. Die Zeiträume, die für diese Regulierungsprozesse angesetzt werden können, verkürzen sich allerdings drastisch, die Anpassungsfähigkeit muss ebenfalls erhöht werden, um mit dem Tempo der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung Schritt zu halten. Insbesondere die Wirtschaft hat ein großes Interesse an schnellen, klaren Rahmenbedingungen, die international gut abgestimmt sind. Die Behörden stehen unter Druck, nicht als `Innovationsbremse´ in Erscheinung zu treten und trotz gekürzter Mittel personell und technisch die Entwicklungen `unter Kontrolle´ zu halten. Gerade für die Nanotechnologie ergeben sich ein Vielzahl von methodischen Problemen, weil die Wirkungsweisen der Nano-Materialien pro Anwendung so variieren können, dass zuverlässige Aussagen der Technikfolgenabschätzung vermutlich nur in Einzelfallprüfungen gemacht werden können. Um hier für alle Beteiligten tragbare Lösungen zu finden, müssen Dialoge initiiert werden, die Kooperationsformen ausloten und ein neues methodisches Regelwerk erarbeiten. Stakeholder-Dialoge, ob nun von Behörden, der produzierenden Industrie oder von Versicherungen initiiert, werden sehr themenspezifisch und ergebnisorientiert aufgebaut werden müssen. Große Fachkongresse können hierzu allenfalls den Auftakt bilden. Die Zukunft wird vermutlich in mehreren, ineinander greifenden oder thematisch aufgebauten Dialogen liegen, die, wenn irgend möglich von einer zentralen Stelle koordiniert oder begleitet werden sollten.

In Sachen Bürgerdialoge hat sich mit den Wissenschaftssommern, Festivals und Kommunikationsangeboten von `Wissenschaft im Dialog´ eine neue, gut angenommene `Dialogkultur´ in Deutschland entwickelt, die z.B. von der Schweiz mit viel Anerkennung beobachtet wird. Interessant könnte es sein, solche Veranstaltungen systematisch als Feedback- oder Dialog-Modul zu nutzen. Es könnte beispielsweise erhoben werden, welche Fragen die Menschen im Nanotruck, in den Science-Zelten oder bei öffentlichen Diskussionen am häufigsten Stellen, wo sie Informationsbedarf sehen und welche Anregungen sie der Politik mit auf den Weg geben möchten. Es könnte sehr spannend werden `Volkes Stimme´ genauer zuzuhören und Wirtschaft, Wissenschaft und Politik bzw. Behörden den berühmten Spiegel vorzuhalten.“

Die Darstellung von Dr. Grobe zeigt auf, dass es auch für die Praxis der deutschen Wissenschaftskommunikation aus der Arbeit der Stiftung Risiko-Dialog Anschlusspunkte gibt. Ihre Arbeit ist bereits in verschiedenen Projekten im Dreiländereck Schweiz, Deutschland, Österreich angesiedelt. Einer der stärksten Motoren sind derzeit deutsche Unternehmen, die international operieren. Auch bei anderen Akteuren in Deutschland entsteht gerade ein Bewusstsein für die Notwendigkeit dialogischer Verfahren, bspw. bei den Regulierungsbehörden.

Befragt nach dem `idealen Dialog´ der Zukunft meint Frau Grobe, dass Angebote der Wissenschaftskommunikation systematisch mit den Stakeholder- oder Regulierungs-Dialogen verknüpft werden sollten. Ziel müsste es sein, wechselseitig Transparenz zu erzeugen, was Industrie, Umweltverbände und öffentliche Einrichtungen tun, um die neuen Entwicklungen im Rahmen von Dialogprozessen sicher zu gestalten. Dazu könnte über die neuen Entwicklungen im Bereich der Forschung und Entwicklung informiert und eine Grundlage gelegt werden, um die Entwicklungen für Bürgerinnen und Bürger einschätzbar und bewertbar zu machen. Kritische Punkte müssen aufgezeigt werden. Es sollte gezeigt werden, wo Sicherheiten, aber auch wo Risikopotenziale bestehen.

Gleichzeitig können – wie oben angesprochen – Angebote der Wissenschaftskommunikation weitere Dialog-Prozesse anregen, indem die Äußerungen, Besorgnisse und offenen Fragen der Besucherinnen und Besucher gesammelt und rückgemeldet werden.

Würde so vorgegangen, entstünde ein ineinander verwobenes Netz von verschiedenen Veranstaltungen, die gut koordiniert werden könnten. Die Veranstaltungen müssten ausgewertet und die Ergebnisse rückgespeist werden, um den gemeinsamen Austausch zu vertiefen.

Ziel eines solchen Dialognetzwerkes ist es, die Faszination von Innovation und Wissenschaft zu vermitteln und gemeinsam am verantwortungsvollen Umgang damit zu arbeiten.

Stiftung Risiko-Dialog St. Gallen | Hirtenweg 7 | 9010 St. Gallen | Tel. +41 52 551 10 01 | info@risiko-dialog.ch
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