Risiken der Energiedebatte

Erstellt: 01. Februar 2007

Neue Zürcher Zeitung, 1. Februar 2007

Schwierige Überwindung von Blockierungen und Desinteresse

Die Energiedebatte ist festgefahren, richtungweisende Entscheide kommen nicht zustande oder werden torpediert. Ängste, aber auch die Hoffnung auf eine nachhaltige Energiezukunft prägen den Konflikt. Gefragt sind unkonventionelle Ideen, um auch in umstrittenen Punkten wie der Frage der Kernenergie weiterzukommen.

 

Von Matthias Holenstein

 

«Wir versteifen uns schon wieder auf Grabenkämpfe. Mich bedrückt das.» Diese Antwort von Energieexperten auf die Frage nach den Risiken der schweizerischen Energiezukunft ist bezeichnend. Die Interessenvertreter aus Wirtschaft, NGO, Politik, Wissenschaft und Medien sind sich einig: Die Debatte ist blockiert. Entscheide zur zukünftigen Ausrichtung der Energiepolitik kommen nicht zustande, obwohl sie aufgrund des langfristigen Planungshorizontes dringend nötig wären. Dies konnte in einer neuen Studie zur Risikowahrnehmung im Rahmen der Energieperspektiven des Bundesamts für Energie gezeigt werden.

 

Konfliktgeschichte und Emotionen

Die Energiedebatte hat eine lange Konfliktgeschichte. Strategien zur Versorgung und zum Umgang mit Risiken der Energiesysteme für Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft waren und sind umstritten. Zwischen den Interessenvertretern haben sich stark emotional geprägte Beziehungen entwickelt. Wer wem vertraut und wer welche Position innehat, scheint allen klar zu sein. Das Thema Energie birgt zudem selber ein grosses emotionales Potenzial. Jeder Einzelne benötigt Energie; unsere Gesellschaft baut auf deren stete und lückenlose Verfügbarkeit. So prägen Ängste vor Versorgungsunsicherheit und vor möglichen Klima- und Umweltschäden die Debatte, auch wenn diese Emotionen nicht immer ausgesprochen werden. Die häufige Forderung nach einer Versachlichung der Debatte greift deshalb zu kurz. Denn Entscheide des Einzelnen wie auch der Gesellschaft sind immer wesentlich auch von Emotionen geleitet. All dies macht die Debatte wenig vorhersehbar und steuerbar. Was wiederum zu neuen Unsicherheiten führt und Ängste weckt vor der weiteren Diskussion.
Die anstehenden Richtungsentscheide für die Energiezukunft, wie beispielsweise zum Bau von neuen Produktionsanlagen, sind unter Fachleuten ein zentrales Thema. Der Bevölkerung brennen sie aber nicht unter den Nägeln. Energie ist bis heute günstig und sicher verfügbar. Nur eine Minderheit kümmert sich darum, wie hoch ihre Energiekosten sind und welche Konsequenzen die Energienutzung hat. Im Alltag stehen Themen wie die Sorge um den Arbeitsplatz und die Gesundheit im Vordergrund. Da die politische Debatte blockiert ist, liegen dem Stimmbürger auch keine richtungweisenden Entscheide vor, mit denen er sich beschäftigen muss. Die Motivation in der Bevölkerung, sich mit Energiefragen zu beschäftigen, ist deshalb zurzeit klein. - An vorderster Stelle der ungeklärten Aspekte in der Energiedebatte steht die Frage nach einem neuen Kernkraftwerk in der Schweiz. Hier klaffen die Risikobewertungen und damit auch die Meinungen am deutlichsten auseinander, wie auch in der erwähnten Studie zur Risikowahrnehmung gezeigt werden konnte. In den letzten Monaten tauchten zwar vermehrt Forderungen nach neuen Kernkraftwerken in der Öffentlichkeit auf, doch eine breite Diskussion lösten sie nicht aus. Alle Beteiligten wissen zwar, dass die Kernkraft-Debatte geführt werden muss, aber niemand will es wirklich tun. Die Unvorhersehbarkeit der Diskussion und das politische und soziale Sprengpotenzial sind Gründe dafür. Bilder von früheren öffentlichen Auseinandersetzungen um Kaiseraugst werden wach und schwingen mit.

 

Deblockierung nur durch Grossereignis?

«Was muss unsere Gesellschaft erfahren, damit sie zu anderen Entscheiden fähig ist?» In Gesprächen mit Interessenvertretern wird häufig darauf hingewiesen, dass nur Grossereignisse die Energiedebatte weiterbringen könnten. Auch die Studie zur Risikowahrnehmung in der Energiedebatte kommt zum Schluss: Niemand wünscht sich eine Energiekrise, weitere Blackouts, Klima- und Umweltkatastrophen oder soziale Spannung um eine gerechte Verteilung von Energie. Trotzdem ist häufig die Meinung zu hören, dass nur solche Ereignisse ein Bewusstsein in der Bevölkerung wecken und Richtungsentscheide für die zukünftige Energienutzung ermöglichen könnten. Auch die klimapolitische Frage der CO 2 -Emissionen oder Ereignisse wie unterbrochene Erdgaslieferungen könnten zu einer Neubeurteilung der Chancen und Risiken für künftige Energieoptionen führen. Weiter besteht die Hoffnung, dass der Markt oder ein Generationenwechsel - sei es bei den Verantwortlichen oder bei den Technologien - neue Impulse setzen wird. Insgesamt lässt sich eine fast schon fatalistische Tendenz erkennen, Verantwortung für die Energiezukunft zu delegieren, weil sich die Debatte nicht in Gang bringen lässt und somit Entscheide nicht gefällt werden können.

 

Langer Weg in die Energiezukunft

Die Art und Weise des Dialogs über die Energiezukunft kann aber durchaus aktiv gestaltet werden: Die Bevölkerung könnte intensiver mit den energiepolitischen Zukunftsfragen konfrontiert werden, um informiert Chancen und Risiken zu bewerten. Unkonventionelle Ideen, wie beispielsweise ein Strassentheater, das mit Energiethemen durch die Schweiz zieht, würden sensibilisieren. Gleichzeitig gilt es, die Debatte zwischen den Interessenvertretern zu deblockieren und Fronten aufzuweichen. Schliesslich sind gemeinsame Spielregeln zu klären, und zwar vor einem vertieften inhaltlichen Energiedialog. Der Weg in die gemeinsam gestaltete Energiezukunft wird lang und holprig sein oder, wie die Präsidentin des Forums Energieperspektiven in ihrem Abschlussbericht schreibt: «Die Schweiz steht vor einem intensiven energiepolitischen Dialog.» So oder so.

* Matthias Holenstein ist Projektleiter bei der Stiftung Risiko-Dialog, St. Gallen (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) und Autor der Studie «Risikowahrnehmung Energieperspektiven 2035». Sie ist unter http://www.risiko-dialog.ch verfügbar.

 

::: Artikel [pdf, 233 kb]

Stiftung Risiko-Dialog St. Gallen | Hirtenweg 7 | 9010 St. Gallen | Tel. +41 52 551 10 01 | info@risiko-dialog.ch
Joomla Templates by Wordpress themes free
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok