Die Finanzkrise, Flüchtlingskrisen, die Covid-19-Pandemie und Hochwasser haben in den letzten Jahren die Länder in Zentraleuropa mit unterschiedlichen Krisensituationen herausgefordert. Dabei hat sich herausgestellt, dass neben den klassischen Top-Down-Ansätzen der Politik, der professionellen Hilfskräfte und der Wirtschaft auch sogenannte «Grassroots» oder Bottom-Up-Bewegungen aus der Zivilbevölkerung eine wichtige Rolle für eine resiliente Reaktion spielen. Als resiliente Reaktion verstehen wir die Fähigkeit sich anpassen zu können, um so agile sowie innovative Lösungsansätze finden zu können.

 

Die Stiftung Risiko-Dialog untersucht seit März 2021 gemeinsam mit der Swiss Re Foundation inwiefern in der Zivilgesellschaft entstandene Initiativen die Resilienz in der Schweiz, Deutschland und Österreich beeinflussen. Ziel ist es, anhand eines Frameworks verschiedene Bottom-Up-Projekte vertieft zu analysieren, damit erste Schlüsse über deren Wirkung auf die Resilienz gezogen werden können. Erste Ergebnisse der Studie bestätigen, wie vielfältig und zahlreich die Bevölkerung selbständig auf die Folgen der Pandemie reagiert hat.

 

Was braucht unsere Gesellschaft, um mit einer Notlage umzugehen? Wie können wir uns auf das Unvorhergesehene vorbereiten?

Communities sind als erstes und am direktesten mit Notlagen und Krisensituationen konfrontiert. Unter dem Begriff Community verstehen wir einerseits eine Gruppe von Menschen, welche durch den Ort verbunden sind an dem sie sich bewegen, leben, oder zu dem sie persönlich einen Bezug haben. Andererseits aber auch der Wirkungsraum eines Individuums losgelöst vom geographisch Bewegungsraum, obwohl diese Räume oftmals auch überlappen. Ein Beispiel für eine Community ist daher eine Stadt, ein Quartier oder ein Dorf, in dem Menschen wohnen und zu dem sie einen Bezug verspüren, aber auch Berufe, Hobbies oder andere Interessen in denen Menschen aktiv sind.

Wenn eine Gesellschaft von einer Krisensituation betroffen ist, wie dies sehr aktuell mit der Covid-19-Pandemie oder dem Hochwasser in Deutschland im Sommer 2021 der Fall war, entstehen oft schnelle und effektive Lösungsansätze in diesem Community-Kontext. Es ist daher essentiell, die Resilienz, also die Reaktion und Anpassung in Krisensituationen, dieser Communities besser zu verstehen. Uns interessiert dabei ganz konkret, welche Fähigkeiten notwendig sind, damit Communities agil auf Krisen reagieren können. Welche Begebenheiten führen zu innovativen Lösungsansätzen und wie können in der Krise entstandene Fähigkeiten adaptiv in eine neue Normalität integriert werden?

 

Erste Resultate: grosse Vielfalt an Initiativen aus der Zivilgesellschaft

Mit einer ausführlichen Literaturanalyse, der Recherche und Katalogisierung von über 100 in der Zivilgesellschaft entstandenen Initiativen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich und mehreren Experten:inneninterviews haben wir bereits den Grundstein für ein besseres Verständnis gelegt. Im nächsten Schritt sind wir daran, mit unterschiedlichen Initiativen und Projekten Interviews zu führen, um deren Wirkung auf die Resilienz besser verstehen zu können. Schliesslich soll das Projekt Partnern wie der Swiss Re Foundation helfen, Communities und Bottom-Up-Initiativen in Krisensituationen gezielt zu unterstützen und somit die gesellschaftliche Resilienz auch direkt aus der Bevölkerung heraus zu stärken.

Bei den Hochwassern haben wir beispielweise beobachten können, wie grosse Teile der Bevölkerung auf Freiwilligenbasis bei den Vorbereitungen, der Ersten-Hilfe und Versorgung, sowie bei den Aufräumarbeiten und dem Wiederaufbau, zum Beispiel mit Geldspenden, geholfen haben. Während viele dieser Hilfsleistungen auf solidarischen Einzelhandlungen basierten, entstanden dabei auch schnell organisierte Initiativen aus der Bevölkerung in allen Grössen und Formen. Gewisse Gruppen organisierten sich über längere Zeiträume, koordinierten mit offiziellen Hilfekräften und brachten Fachwissen und Initiative dahin, wo es nötig war. Das Entstehen solcher Initiativen auf lokaler Ebene scheint für die Resilienz einer Gesellschaft, also ihrer Reaktion auf eine Krise und wie gut sie wieder aus der Notlage in eine funktionierende Normalsituation zurückfindet, essenziell zu sein. Bei der Reaktion auf eine Krise kann in einer Community ein Lernprozess entstehen, der wiederum zu neuen, möglicherweise innovativen Lösungen nach der Krise führen kann.

 

 

(Bild: Logos der Bottom-Up-Initiativen der Case Studies)