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Stromausfall - nicht bei uns

Erstellt: 04. Juni 2008

Neue Zürcher Zeitung, 4. Juni 2008

Toleranz gegenüber kleinen Pannen - hohes Informationsbedürfnis


An Stromausfälle denkt fast niemand. Doch die Kundinnen und Kunden stellen zunehmend höhere Ansprüche an ihren Stromversorger. Sie verlangen von ihm Auskunft auch über Fragen der Strompolitik und der künftigen Stromversorgung. Die Kommunikation sowohl bei einzelnen Ausfällen wie auch zu energiepolitischen Fragen ist zentral.

 

von Matthias Holenstein und Lukas Küng*

 

«Stromausfälle beschäftigen nicht, Stromknappheit schon.» Dies ist eine typische Antwort von Privatpersonen auf die Frage nach den Risiken der Stromversorgung. Privathaushalte sorgen sich kaum um Stromausfälle. Auf anstehende energiepolitische Fragen werden jedoch Antworten vom eigenen Stromversorger erwartet. Dies zeigte eine neue Studie zur Wahrnehmung von Risiken bei der Stromversorgung. Die Stiftung Risiko-Dialog befragte dazu im Auftrag des EWZ (Elektrizitätswerk der Stadt Zürich) die Bevölkerung der Stadt Zürich.

 

Beschäftigen Stromausfälle nicht?

Stromausfälle sind für Private kein Thema, sie werden nicht als Risiko wahrgenommen. «Aber das überlebt man doch», ist in Gesprächen immer wieder zu hören. Grossflächige und lang andauernde Ausfälle sind für die Schweiz nicht vorstellbar. So werden Medienberichte zu einem Blackout in New York oder bei den SBB kaum auf die Stromversorgung in der Schweiz übertragen. Fast jeder kann aber Geschichten von Stromausfällen im Ferienhaus oder im Ausland erzählen. Dies deckt sich mit den Zahlen des Verbandes der Schweizerischen Elektrizitätsunternehmen(VSE): In städtischer Umgebung ist in der Schweiz etwa alle fünf Jahre mit einem Ausfall zu rechnen. Er dauert im Schnitt etwa eine halbe Stunde. In ländlichen Regionen nimmt die Zahl derAusfälle zu: Es ist mit rund einem Unterbruch pro Jahr von durchschnittlich zwei Stunden zu rechnen. Hauptgrund ist, dass in dicht besiedelten Regionen die unterirdische Stromverteilung den
Umwelteinflüssen weniger ausgesetzt ist als die Freileitungen auf dem Lande. Dort sind zudem die Möglichkeiten kleiner, ausgefallene Systeme durch andere zu ersetzen. Wer selbst einen Stromausfall erlebt hat, erinnert sich oft nur schwach daran, denkt an auftauende Kühlschränke und fehlendes Licht. «Ärgerlich, aber nicht bedrohlich», lautet das Fazit. Private bereiten sich deshalb auch nicht auf einen
Stromausfall vor. Nur nach längerem Nachdenken gerät man ins Grübeln: Habe ich überhaupt noch einen Radioapparat mit Batterie, um mich zu informieren? Stromausfälle fördern das Bewusstsein, wie stark auch Private in ihrem Alltag vom Strom abhängig sind. Ganz zu schweigen von Unternehmen. Ein Leben ohne Strom ist nicht mehr vorstellbar. Oder, wie es ein Befragter ausdrückte: «Es ist eigentlich ganz verrückt, wie man während eines Stromausfalls realisiert, was plötzlichalles nicht mehr geht.» So bedeutet Strom für Private eine Verbindung mit der Aussenwelt, sei es via Radio, Fernsehen oder Internet. Besonders ältere Menschen oder Personen mit Handicaps betonen: «Ich glaube, das Schlimmste ist, wenn ich kein Telefon
habe.» Sorgen bereitet die Vorstellung, dass Stromausfälle Leib und Leben gefährden können. Spitäler sind darauf vorbereitet. Doch wie sieht es bei Pflegebedürftigen aus, die zu Hause von elektrischen Geräten abhängig sind? Stromausfällen werden aber durchaus auch positive Seiten abgewonnen: Sie führen zu einem ruhigen Feierabend, schaffen soziale Kontakte mit Nachbarn und eine Zwangspause im hektischen Alltag. Bieten sie gar ein wenig Abenteuer in einer stark regulierten und gesicherten Welt?

 

Aufmerksamkeit für Stromknappheit

Die drängenden energiepolitischen Themen wie mögliche Stromknappheit, der Bau neuer Grosskraftwerke,
Stromeffizienz und der Schutz des Klimas beschäftigen die Bevölkerung sehr. Auf diese Fragen zu gesellschaftlichen Risiken werden vehement Antworten vom eigenen Stromversorge gefordert. Ihm wird Kompetenz, aber auch Verantwortung zugeschrieben. Schliesslich beschäftigt er sich seit Jahren mit Fragen rund um Strom. Ein hoher Wissensbedarf besteht bei Privaten auch bezüglich der eigenen Verantwortung:
Was kann ich persönlich für eine gesicherte Stromversorgung in Zukunft beitragen? Welche Geräte sollen wie ausgeschaltet werden, um Strom zu sparen?Was sind die Chancen und Risiken der unterschiedlichen Stromproduktionen? «Wir haben ein irrsinniges Vertrauen in die Stromversorgung», war in den Gesprächen häufig zu hören. Die schweizerische Bevölkerung hat keinen Grund, sich über eine unzuverlässige Stromversorgung zu beklagen, sie liegt im europäischen Vergleich im vordersten Feld. Dies hat aber auch seine Tücken: Man ist an eine gut funktionierende Stromversorgung gewöhnt. Sie wird als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Strom scheint einfach nur produziert und konsumiert zu werden. Das komplexe und gut funktionierende Netzwerk dazwischen ist der Bevölkerung nicht bewusst. Dabei benötigt dessen Bau und Betrieb wesentlich mehr Ressourcen als die Produktion. Die hohe Qualität der Stromversorgung wird wie Hausarbeit kaum wahrgenommen, wenig wertgeschätzt und gelangt erst ins Bewusstsein, wenn sie nicht funktioniert. Die Frage, ob Private auch mit mehr und längeren
Stromausfällen leben könnten, wird klar verneint. Die Bevölkerung ist mit dem jetzigen Zustand sehr zufrieden und wünscht sich keineVeränderung, auch nicht für einen tieferen Strompreis. Es soll aber keine «Vergoldung der Netze» geben. Oder, wie es eine Person formulierte: «Mit zwei, drei kleinen Ausfällen pro Jahr können wir leben – wenn wirwissen, warum der Strom ausgefallen ist!»

Gründe für Stromausfälle können aus Sicht der Bevölkerung sowohl menschliches Versagen beispielsweise bei Bauarbeiten (etwa 50 Prozent der Vorfälle in Zürich, alle nicht im Zusammenhang mit Netzbau) als auch natürliche Ursachen wie Unwetter (etwa 10 Prozent der Vorfälle) und Tiere in Installationen sein. Für beides wird Verständnis gezeigt. Dieses würde schnell verschwinden, wenn der Verdacht aufkäme, dass aus Kostengründen am Unterhalt gespart wird.

 

Kunde, nicht Verbraucher

Die Qualität der Stromversorgung lässt sich aus Sicht der Kunden nicht einfach an Verfügbarkeitszahlen
und Preisen messen. Verkehrsunternehmen wie die SBB oder Telekommunikationsunternehmen arbeiten stetig daran, die kundengerechte Kommunikation bei einer Störung zu verbessern. Den steigenden Erwartungen haben sich auch die Stromversorger zu stellen. Dass ein Stromausfall professionell und speditiv bewältigt wird, ist selbstverständlich. Dazu gehört, den Betroffenen möglichst rasch ihre Unsicherheit bezüglich Dauer und Umfang der Störung zu nehmen. Die Frage, wie dies geschehen soll, wenn Radio, Fernsehen und Internet nicht funktionieren, wird den Stromversorgern überlassen. Auch die Kommunikation nach einem Stromausfall ist anspruchsvoll, denn ein Ausfall unterbricht die Menschen in ihren Alltagshandlungen: Die einen arbeiten am Computer, andere kochen, undDritte verschlafen den Unterbruch. So individuell die Situation für die Betroffenen war, so individuell erwarten sie eine Entschuldigung oder Erklärung ihres Stromversorgers. Insgesamt zeigte sich deutlich, dass die Bevölkerung
auch beim Strom als Kunde und nicht bloss als einer von Tausenden von Verbraucher behandelt werden will: «Früher war man Bittsteller, heute ist man Partner», lautet die Forderung. Die Kommunikation vor, während und nach einer Störung zu verbessern, Antworten auf die drängenden energiepolitischen Fragen zu haben und Kundenreaktionen systematisch zu bearbeiten, gehören zu einem liberalisierten Strommarkt.

 

* Matthias Holenstein ist Projektleiter bei der Stiftung Risiko-Dialog, St. Gallen (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) und Autor der Studie «Risikowahrnehmung Versorgungsqualität». Sie ist unter http://www.risiko-dialog.ch verfügbar. Lukas Küng ist Mitglied der EWZ-Geschäftsleitung (http://www.ewz.ch) und zuständig für den Geschäftsbereich Verteilnetz (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!). Informationen zum Verhalten bei Stromausfall: http://www.stadt-zuerich.ch/internet/ewz/home/infocenter.

 

::: Artikel [pdf, 237kb]

 

Stiftung Risiko-Dialog St. Gallen | Hirtenweg 7 | 9010 St. Gallen | Tel. +41 58 255 25 70 | info@risiko-dialog.ch
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