Aggressive Zwerge (St.Galler Tagblatt) (2)
Wegen unkalkulierbaren Risiken fordern Kritiker ein Moratorium für Nanoteilchen
Nano - das altgriechische Wort für Zwerg - heisst für Wissenschaft und Wirtschaft das Zauberwort, das eine neue industrielle Revolution verspricht. Jetzt warnen Experten vor Risiken für unsere Gesundheit und die Umwelt.
Von Daniel Graf
Wie schnell schmelzender Schnee zieht die neue Sonnencreme in die Haut ein - ohne glänzende Striemen zu hinterlassen. Kaum jemand ahnt beim Auftragen, dass man gerade die neuen Möglichkeiten der Nanotechnologie am eigenen Leib erfahren hat. Der farblose Schutzfilm enthält nämlich kleine Partikel aus Zink- oder Titandioxiden, deren Durchmesser etwa 1000 Mal kleiner ist als ein menschliches Haar. Diese Winzlinge reflektieren zwar schädliche UV-Strahlen, sind aber für den sichtbaren Anteil des Lichts durchlässig und deshalb für das Auge unsichtbar.
«Was passiert aber, wenn solche Partikel aus Zink- oder Titandioxiden in die Hautzellen eindringen?», fragt sich der Biotechnologie-Experte Christoph Meili von der St. Galler Stiftung Risiko-Dialog. Nanoteilchen seien für das Immunsystem des Körpers viel zu klein, um als Eindringling erkannt zu werden. Meili ist mit seinen kritischen Einwänden nicht alleine. Die steigende Zahl neuer Materialien wie Lacke, Gläser und Stoffe, denen Nanoteilchen beigemischt werden, hat eine kontroverse Debatte über die Gefahren dieser Technologie für Mensch und Umwelt entfacht.
Nanoteilchen als Risikofaktor
Bis heute ist kaum etwas über mögliche Risikofaktoren bekannt, obwohl allein dieses Jahr weltweit rund 3 Milliarden Dollar in die Nano-Grundlagenforschung fliessen. «Tatsächlich ist kaum untersucht, was geschehen könnte, wenn industriell hergestellte Nanopartikel in lebendige Zellen oder in den Umweltkreislauf gelangen», sagt auch Sergio Bellucci, Geschäftsführer des Zentrums für Technologiefolgen-Abschätzung (TA-Swiss), das auch Parlament und Bundesrat in Technologiefragen berät.
Wunderstoff oder neuer Asbest?
Die Frage der gesundheitlichen Gefährdung, der so genannten Nano-Toxizität, stellt sich besonders bei den so genannten Nanoröhrchen. Die Moleküle aus reinem Kohlenstoff, die in dieser Form in der Natur nicht vorkommen, gelten als das Lieblingsmaterial der Nano-Industrie. Sie sind leicht, hundertmal härter als Stahl und leiten auch Strom. Bald könnten die Nanoröhrchen deshalb Silizium als wichtigsten Baustein für Computerchips verdrängen. Bis heute ist aber ungeklärt, welche gesundheitlichen Folgen die feinen Nanoröhrchen haben, wenn man die Partikel einatmet. «Aus älteren Untersuchungen ist bekannt, dass Stäube am Arbeitsplatz zu berufsbedingten Krankheiten führen können», sagt Marcel Indermühle, der die Studie «Nanotechnologie in der Medizin» von TA-Swiss betreut. Mögliche Gesundheitsrisiken durch Nanoröhrchen seien deshalb nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. «Mit ihrer länglichen, nadelartigen Struktur ähneln diese Partikel stark den gefährlichen Asbestfasern», erklärt Indermühle. Auch bei der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt (Empa) nimmt man das Gefahrenpotenzial ernst. Neben der Herstellung von keramischem Nanopulver experimentieren die Empa-Forscher auch mit Nanoröhrchen, die in neuen Flachbildschirmen zur Anwendung kommen könnten. «Seit drei Monaten führen wir in St. Gallen eine Untersuchung durch, um herauszufinden, wie Zellen auf solche Partikel reagieren», sagt Louis Schlapbach, Direktor der Empa. Es bestehe jedoch kein Grund für Panik. In den Labors der Empa trägt man derzeit normale Atemschutzmasken, die für Nanoteilchen viel zu grob sind. «Es gibt keine praktikablen Filter, die fein genug sind und trotzdem genug Sauerstoff durchlassen», erläutert Schlapbach das Problem.
Gefahr für die Umwelt?
Noch schwieriger als die gesundheitlichen Folgen sind die langfristigen Auswirkungen auf das Ökosystem zu beurteilen. «Niemand weiss, wie die Umwelt auf Nanoteilchen reagiert», sagt Meili von der Stiftung Risiko-Dialog. Probleme könnten etwa mit Nanoteilchen verstärkte Autoreifen verursachen, die irgendwann auf Deponien landen. Die durch die Witterung ausgewaschenen Partikel könnten ins Grundwasser sickern oder sich im Boden anreichern. «Nanopartikel könnten in dort lebende Bakterien schlüpfen und so in die Nahrungskette gelangen», gibt Meili zu bedenken.
Umstrittenes Moratorium
Wegen den vielen offenen Fragen fordern Kritiker jetzt einen Stopp für die industrielle Herstellung von Nanoteilchen. «Die Regierungen sollten weltweit ein sofortiges Moratorium für die kommerzielle Produktion von neuem Nanomaterial aussprechen», schreibt etwa die kanadische Action Group on Environment, Technology and Concentration (ETC). Die umfangreiche ETC-Studie «The Big Down» hat für Aufsehen gesorgt, zumal die Gruppe zu einem weltweiten Netzwerk von Gentechnik-Gegnern mit ihrer globalen Kampagne gegen gentechnisch verändertes Saatgut gehört. «Ein Moratorium wäre eine klare Notlösung», meint dazu Indermühle von TA-Swiss. Eine solche Forderung sei verfrüht, zumal die Nanotechnologie noch in den Kinderschuhen stecke. Wenig Verständnis für einen Marschhalt zeigt auch der Empa-Direktor Schlapbach: «Ich muss in solchen Fällen immer an den Kanton Graubünden denken, der im Jahr 1911 Automobile gesetzlich verbot, weil die Kühe einen Schaden davontragen könnten. Die Chance, dass man hinterher über solche übertriebene Reaktionen lacht, ist gross.» Für den Risikoforscher Meili ist der Moratoriumsvorschlag verständlich: «Betrachtet man die Debatten über die Atom- oder Gentechnologie, ist die Schweiz schon längst eine ‹Moratoriumsgesellschaft›, weil sich Wissenschaften und Gesellschaft immer stärker auseinander dividieren.» Eine gesellschaftliche Polarisierung - wie bei der Gentechnologie - liesse sich mit frühzeitigen Debatten verhindern.
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Stichwort Nanotechnologie
Unter Nanotechnologie versteht man ein breites Spektrum unterschiedlicher Methoden, um Atome und Moleküle als Bausteine für neuartige Materialien und Mikro-Maschinen zu verwenden. Die zusammengebauten Teilchen sind zwischen 1 und 100 Nanometer gross (1 nm = 10-9), etwa ein Tausendstel einer Zelle. Am weitesten fortgeschritten ist die nanotechnologische Entwicklung neuer Werkstoffe. Bald sollen aber auch konkrete Anwendungen auf dem Gebiet der Medizin, Computertechnik und Biotechnologie folgen. Die Schweiz zählt heute zu den führenden Nanotechnologie-Nationen. Seit 2001 betreibt die Universität Basel ein nationales Forschungszentrum für Nanotechnologie. Vom 9. bis 11. September 2003 findet in St. Gallen die erste internationale Messe für Nanotechnologie «Nanofair» statt, an der rund hundert Aussteller ihre marktreifen Produkte vorführen.
Artikel erschienen im St.Galler Tagblatt, am 27. August 2003.