Die Kommunikation von Risiken und Massnahmen sowie den damit verbundenen Unsicherheiten im Kontext von Naturgefahren ist herausfordernd. Eine Sorge von Fachleuten oder Gemeindevertretern kann beispielsweise sein, dass die gesamte Arbeit durch die Kommunikation von Unsicherheiten in Frage gestellt wird. Aus der Praxis der Risikokommunikation ist jedoch bekannt: Gerade das aktive Thematisieren von Unsicherheiten stärkt die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen.

Unterschiedliche Perspektiven von Fachleuten und Bevölkerung
Die verschiedenen Kommunikationspartner nehmen Naturgefahren unterschiedlich wahr. So können sich die Sichtweisen von Fachleuten und der Bevölkerung in mancher Hinsicht unterscheiden. Aus soziologischer Sicht beeinflussen verschiedene Faktoren die Wahrnehmung von Naturgefahren-Beteiligten: Werte, ökonomische Interessen, gesellschaftliche Rollen, Wissensstand, eigene Erfahrungen oder Vorlieben etc. Aus der Psychologie ist bekannt, dass Menschen Informationen je nach Situation auf unterschiedlichen Pfaden verarbeiten. Der zentrale Pfad lässt sie eher rational wahrnehmen und entscheiden, der periphere Pfad eher emotional. Je nach gewähltem Pfad sprechen die Menschen anders auf das Thema Naturgefahren an. Diese Aspekte sind bei der Gestaltung der Form der Kommunikation (Stil, Grad der Emotionalität, verbal/nonverbal etc.) wie auch der Inhalte zu berücksichtigen.

Erfolgsfaktoren für die Kommunikation
Die Kommunikation – gerade auch zu Naturgefahren – ist immer der konkreten Situation anzupassen. Dennoch lassen sich einige allgemeine Erfolgsfaktoren festhalten. Ein adäquates Risikomanagement im engen Sinne ist Grundvoraussetzung dafür, dass auch die Kommunikation gelingen kann. Durch einen frühzeitigen Beziehungsaufbau mit allen Beteiligten kann eine Vertrauensbasis etabliert werden, was in kritischen Situationen entscheidend sein kann. Die Kommunikation ist ein wechselseitiger Prozess. Wer sich neben der nötigen Fachkompetenz auch eine ausgeprägte Sozialkompetenz aneignet, vermag sich leichter mit Interesse, Empathie und Verständnis für das Gegenüber in die unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten einzufühlen. Erfolgreiche Kommunikation ist wahrhaft, authentisch, verständlich und transparent. Ebenso sollte in Schattierungen und nicht schwarzweiss kommuniziert werden. Dabei auch Unsicherheiten anzusprechen, stärkt die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen.

Kommunikation vorbereiten
Wichtig ist für Naturgefahren-Fachleute, sich auf die konkrete Kommunikationssituation (zum Beispiel Gemeindeversammlung, Begehung vor Ort) vorzubreiten und mögliche Szenarien geistig durchzuspielen. Auf diese Weise kann eine breite Argumentation vorbereitet werden und es können Antworten auf mögliche Fragen antizipiert werden. Dies hilft später bei mehrfach wiederholten Gegenargumenten oder provokativen Fragen. Im Voraus sollten mit den Kommunikationspartnern geeignete Kommunikationsformen und die jeweiligen Rollen abgestimmt werden: Wer kann was in welcher Form kommunizieren?

Fachsprache kommt kaum an
Ein passendes Gleichgewicht zu finden zwischen faktenbasierter, rationaler Diskussion sowie emotionalen Aspekten ist nicht einfach. Reine Fachsprache kommt kaum an und erscheint dem Gegenüber allenfalls als technisch und kühl. Jedoch sollte auch eine zu «simple» Sprache vermieden werden, da sonst die Fachkompetenz angezweifelt werden kann. Bilder und eine positive Sprache helfen. Wird Katastrophismus betrieben, so führt dies beim Gegenüber zu Fatalismus und Hilflosigkeit. Risikovergleiche mit nachvollziehbaren Alltagsbeispielen und -risiken (Zuverlässigkeit eines Autos, Risikosportarten, Medizin etc.) schärfen bei potenziell Betroffenen das Bewusstsein dafür, dass auch alltägliche Situationen mit Restrisiken behaftet sind. Trotz aller Sicherheitsbemühungen müssen Entscheidungenin verschiedenen Lebensbereichen stets vor dem Hintergrund von Unsicherheiten gefällt werden.

Jörg Berlinger und Matthias Holenstein


Informationen

Naturkatastrophen 2010

2010 wurden weltweit 950 Naturkatastrophen verzeichnet. Neun Zehntel waren wetterbedingte Ereignisse wie Stürme oder Überschwemmungen. Damit war 2010 das Jahr mit der zweithöchsten Zahl an Naturkatastrophen seit 1980. Die gesamtwirtschaftlichenSchäden betragen rund 130 Milliarden Dollar. Davon waren etwa 37 Milliarden versichert. 2010 gehört zu den sechs schadenintensivsten Jahren für die Versicherungswirtschaft seit 1980.

Extreme Monsun-Regenfälle führten im Sommer zu Überschwemmungen in Pakistan. Wochenlang stand bis zu einem Viertel des Landes unter Wasser. Der gesamtwirtschaftliche Schaden betrug 9,5 Milliarden Dollar – eine hohe Summe für das wirtschaftlich schwache Land.

Die Hitzewellen in Russland brachten vielerorts Rekordtemperaturen und Waldbrände. Mindestens 56'000 Menschen starben an den Folgen der Hitze und Luftverschmutzung. Es war die tödlichste Naturkatastrophe in der Geschichte Russlands.

Quellen:

Munich Re - "Naturkatastrophen-Bilanz 2010 - Schwere Erdbeben und viele Unwetter-Ereignisse"

SwissRE - "Preliminary estimates for 2010 from Swiss Re sigma show that natural catastrophes and man-made disasters caused economic losses of USD 222 billion and cost insurers USD 36 billion"

 

Weitere Informationen:

PLANAT ist eine ausserparlamentarische Kommission und befasst sich mit Naturgefahren in der Schweiz. Die Schwerpunkte von PLANAT sind die Entwicklung und Koordination einer Naturgefahrenstrategie und die Verankerung des integralen Risikomanagements. 
http://www.planat.ch/

Die Präventionsstiftung der Kantonalen Gebäudeversicherungen hat das Ziel, das integrale, gebäudebezogene Risikomanagement im Bereich der Naturgefahren zu fördern und die Erkenntnisse zu kommunizieren. Die Stiftung unterstützt – dem öffentlich-rechtlichen Auftrag der Kantonalen Gebäudeversicherungen entsprechend – strategische Programme, die von der Stiftung definiert, öffentlich ausgeschrieben und koordiniert werden. Dadurch trägt die Präventionsstiftung langfristig dazu bei, die Entwicklung der Elementarschäden an Gebäuden in der Schweiz zu dämpfen.
http://www.praeventionsstiftung.ch/

Stiftung Risiko-Dialog St. Gallen | Zürcherstrasse 12 | 8400 Winterthur | Tel. +41 52 262 76 11 | Fax +41 52 262 76 29
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