Wird Nanotechnologie bereits in der Lebensmittelproduktion eingesetzt? Welche Chancen eröffnet sie für Industrie und Verbraucher? Wo lauern Gefahren? Mit dem Expertenforum "Nano4Food" beim zweiten Karlsruher Lebensmittelsymposium organisierte Dr. Andrea Dreusch, Teamleiterin des veranstaltenden FPQS (Food Production Quality Service), einen spannenden Schlagabtausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Behörden.
Dass das Thema "Nano in Lebensmitteln" gar nicht neu ist, erfuhren die Teilnehmer gleich zu Beginn aus den entsprechenden Patentschriften, die bereits fast 50 Jahre alt sind. In seinem provokativen Einführungsvortrag zeigte Lebensmittelchemiker Udo Pollmer (Europäisches Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften), dass auch Milch nanoskalige Inhaltsstoffe enthält. Mit Genuss hinterfragte er die wenigen offiziellen Beispiele, die vorgeben, Nanomaterialien zu enthalten wie z.B. gesundheitsfördernde Nano-Tees oder Joghurts mit Platinpartikeln auf dem asiatischen Markt.
Prof. Emmerich Berghofer, BOKU/Universität Wien, griff Pollmers Beispiele auf und erklärte anschaulich, was eigentlich "Nano" ist: "Teilchen mit einer Größe < 100 Nanometer, die gezielt erzeugt werden und aufgrund ihrer geringen Größe neuartige Eigenschaften entwickeln." Auch er beurteilte die international diskutierten Beispiele sehr kritisch. Manches Unternehmen nutze bei den ausgelobten Produkten den Begriff "Nano" wohl nur zu Marketingzwecken, so der Wiener Forscher.
Nicht einmal das in den Medien häufig zitierte Beispiel von Nano im Ketchup lässt sich nach Angaben der Industrie bestätigen, ergänzte Dr. Antje Grobe (Universität Stuttgart/Stiftung Risiko-Dialog). Die Frage, was denn genau als Nanomaterial bezeichnt wird und was nicht, werde derzeit kontrovers diskutiert. Eine international abgestimmte Definition fehlt und Verbraucherverbände wie auch Regulierungsbehörden fühlen sich von der Industrie nicht ausreichend informiert.
Dr. Lutz End von der BASF zeigte, dass Unternehmen durchaus offen und erfolgreich kommunizieren können. Er erläuterte den Aufbau von "enkapsulierten Carotinoiden", die durch ihre Hülle von winzigen Fetttröpfchen leichter vom Körper aufgenommen werden können. Die Hülle der Carotinoide setzt sich zwar aus nanoskaligen Einzelbestandteilen zusammen, aber das gesamte System ist deutlich größer als 100 nm. Eine fundierte Risikoabschätzung liegt vor - die vorhandenen Systeme seien gut geprüft und für unbedenklich befunden worden. Ob das nun als Nano zu bezeichnen sei, blieb offen.
Die Experten diskutierten kritisch, ob andere nanopartikuläre Zubereitungen Gefahren für den Verbraucher in die Lebensmittel eintragen könnten. Einigkeit bestand nur darin, dass die Forschungsanstrengungen zu erhöhen seien und die Industrie zur Zusammenarbeit aufgefordert werden solle. Pollmer mahnte, dass nicht die Nanoform alleine, sondern auch das, was als "Nano" verpackt werden soll, hinterfragt werden müsse. Er gab einige Beispiele für Nahrungsergänzungsstoffe, die in neuen Studien statt als nützlich, als gesundheitsgefährdend eingestuft wurden. "Möglicherweise werden Nanomaterialien im Zusammenhang mit Hypervitaminosen zum Thema der Zukunft", so Pollmer.
Neben den Anwendungsbereichen in Lebensmitteln richtet sich das Interesse der Industrie auf Lebensmittelverpackungen und Herstellungsprozesse. Als großes Potenzial werden Nanobeschichtungen, -sensoren, -filter und ähnliche Anwendungen betrachtet. Bessere Barriereeigenschaften, UV-Schutz trotz Durchsichtigkeit für Verpackungsfolien, Hitzresistenz oder mikrobizide Wirkung sind wichtige Ziele, um Lebensmittel länger frisch zu halten.
Dies scheint den Geschmack der Verbraucher zu treffen, so eine Umfrage des Bundesinstituts für Risikobewertung, die Dr. Rolf Hertel präsentierte. In der Mehrzahl sind die befragten deutschen Verbraucher gegenüber der Nanotechnologie positiv eingestellt. Im Zusammenhang mit Oberflächenversiegelung oder Kleidung würden die meisten Befragten solche Produkte kaufen und halten die Nanopartikel für einen "Zukunftsschatz". Allerdings denken zwei Drittel, dass der Nutzen der Technik die in ihr eventuell steckenden Gefahren übersteige. Und nur 20 Prozent der Befragten möchten Nano-Lebensmittel kaufen und glauben auch nicht, dass die Lebensmittel durch den Einsatz der Nanomaterialien verbessert werden könnten.
"Nano in Verpackungen: Ja - im Essen: Nein!", so die Kurzfassung der Ergebnisse der Verbraucherkonferenz aus dem letzten Jahr, berichtete Dr. Antje Grobe. Sie wertete die positive Grundeinstellung in Deutschland auch als Erfolg der bereits sehr früh geführten Dialoge, die sich kritisch mit Risikofragen auseinander gesetzt haben. "Im Lebensmittelbereich hat dieser Dialog nicht stattgefunden. Dort wird das wachsende Misstrauen zum größten Risiko für die Branche." Grobe appellierte dringend an die Industrie, offen auf die Stakeholder zuzugehen, um die derzeit wilden Spekulationen zu beenden: "Ohne Informationen diskutieren die Medien über Nano-Schnitzel und Nano-Pizza, die den Geschmack wechselt. Das hat mit der Realität wenig zu tun." ke/lz 11-08
Dieser Artikel erschien in der Lebensmittelzeitung, am 14. März 2008