Es ist ein Rennen in ein unbekanntes Land. Immer noch ist unklar, wie tiefgreifend Nanotechnologie auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt Einfluss nehmen wird. Und doch überbieten sich die führenden Industrienationen längst mit Investitionen in die Forschung. 2006 haben nun sogar die privaten Investitionen in die Nanotechnologie erstmals die öffentlichen überholt.
Warum der Nanogoldrausch? Was verbirgt sich hinter dem PR-lastigen Getöse an echten Chancen? Welche Risiken wird sie mit sich bringen?


Im Grunde ist alles Nano

Die Verheißungen der Nanotechnologie sind groß und reichen von kratzfesten Autolacken über bessere Munition und neue Speichermedien bis hin zu wirksameren Medikamenten gegen Krebs. Möglich machen sollen all das die speziellen Eigenschaften von winzigen Strukturen mit Dimensionen zwischen 0,1 und 100 millionstel Millimetern (Nanometern).
Nanotechnologie als wissenschaftliche Disziplin war immer schon die auf die Zukunft ausgerichtete Forschung schlechthin. Nun findet eine enorme Entwicklung in diesem Forschungsfeld statt. „Vor 25 Jahren gab man sich damit zufrieden, Zellen und Bakterien direkt beobachten und untersuchen zu können. Heute aber versteht man unter der klassischen Nanoforschung die Möglichkeit, verschiedenste Eigenschaften der Teilchen im Nanobereich zu beeinflussen, etwa durch Wachstumszellen, Schaltungen und Spannungen“, erklärt Erich Gornik, wissenschaftlicher Geschäftsführer der Austrian Research Centers Seibersdorf. „Im Grunde ist ja alles Nano. Alles was lebt und wächst ist reinste Nanotechnologie“, so der TU-Professor. „Die Natur hat das Leben schließlich auf kleinster Ebene gebildet. Wir sind nun der Natur auf der Spur. Wir können so die Zusammenhänge und Grundlagen unseres Lebens verstehen.“


AktuelleAnwendungsfelder

Nanoeffekte als solches stellen in der Regel jedoch kein Produkt dar, sondern stehen am Anfang einer vielschichtigen Wertschöpfungskette. Sie müssen erst in Systeme eingebaut werden, die dann als Festplatte, Batterie, Autoreifen, Schwangerschaftstest etc. den Endkunden erreichen.
Aus diesem Grund ist es äußerst schwer, die Zahl der am Markt erhältlichen Nanoprodukte zu zählen. Sie schwankt zur Zeit zwischen 550 und 700. Eines jedoch ist sicher: Nanoeffekte haben längst Einzug in unser Leben gehalten. Wir können längst nicht mehr von Visionen und Chancen der Zukunft sprechen. Antje Grobe, Leiterin des Bereiches Nanotechnologie der Stifung Risiko-Dialog, Schweiz, zählt einige aktuelle Nanotec Anwendungsfelder auf:
1. Entwicklungen, die Effekte im Alltagsleben haben, wie zum Beispiel funktionale Textilien oder Beschichtungen mit Lotuseffekt („easytoclean“- Produkte).
2. Medizinische Anwendungsbereiche bei Krebstherapien, Drug delivery und Kosmetik.
3. Nano-Einsatz bei Lebensmitteln,
wie Vitamine, die sich besser aufnehmen lassen, Low-fat-Produkte und auch bei Verpackungen, die verdorbene Lebensmittel anzeigen können („smart packaging“).
In Zukunft wird man Nanotechnologie in vielen Einsatzbereichen finden. Auch etwa in der Umwelttechnologie, wo man zum Beispiel effizientere Brennstoffzellen zur Energieerzeugung entwickeln könne, sowie Materialien für Solaranlagen oder neue Technologien zur Aufbereitung von Trinkwasser.
„All das wird uns aber wohl noch bis zu 20 Jahren beschäftigen, bevor die Technologie auch auf industrieller Ebene erste große Wirkungen zeigt. Doch letztlich wird an Nano kein Weg vorbeiführen“, so Gornik.


Nanoschwärme und Nanoschnitzel

Doch die neue Technologie birgt auch Gefahren. Trotz der Euphorie der Forscher und der Möglichkeiten, die in dieser Forschung liegen, darf man Kontrolle und Hinterfragung nicht vergessen.
Hoffnungsvolle Zukunftsszenarien und konkrete Bedenken wurden am 5. Dezember bei der Podiumsdiskussion Nanotechnologie im Risiko:dialog in der Wiener Urania vorgebracht. Aufhorchen ließ auch Wolfgang Heckl, der Generaldirektor des Deutschen Museums, der mit seinen Utopien zur Nanotechnologie die Diskussion anheizte. Heckl erwartet in Zukunft etwa künstliche Nanoschwärme, die sich verselbstständigen und die Menschen bedrohen, oder „Nanoschnitzel“, die in einem Generator erzeugt werden und den Welthunger beseitigen könnten.
Antje Grobe kommentiert diese Visionen als absurd: „Manche Wissenschafter finden Science Fiction spannend, aber das hat nichts mit den jetzigen Anwendungen der Nanotechnologie zu tun. Für die Medien sind das faszinierende Bilder, einer sachlichen Diskussion schaden sie aber eher.“
Bei solchen irreführenden Horrorvorstellungen trete bei der Mehrheit der Bevölkerung Ablehnung und Angst gegen die gesamte Nanotechnologie in den Vordergrund. Und gerade bei Lebensmitteln sei natürlich das Angstpotential am höchsten.
In der Diskussion in der Uranie wurden verstärkte Kontrollen und Sicherheit für Konsumenten gefordert. Dies verweist zu einem der aktuellen Probleme der Diskussionen. „Noch wissen wir wenig über bereits eingesetzte Nanomaterialien in der Lebensmittelindustrie“, so Grobe. „Behörden und Industrie fangen zwar gerade an sich auszutauschen, doch die Informationslagelage ist noch sehr dürftig.“

 

Dieser Artikel ist erschienen im Umwelt Journal 08/2007


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