Nanotechnologie: Die nächste Kandidatin für ein Moratorium (Basler Zeitung)

Nanotechnologie wird als die Schlüsseltechnologie für das 21. Jahrhundert gehandelt. Das war bei der Biotechnologie ebenso, doch hat diese eine leidenschaftliche Debatte ausgelöst. Bereits haben Umweltschutzverbände ihr Spektrum auf die neue Technologie ausgeweitet. Die kanadische ETC-Gruppe fordert gar ein Nanotechnologie-Moratorium.

Von Thomas Müller

Dübendorf. Warum flutscht auch bei Kühlschranktemperaturen Ketchup so schön halbflüssig aus der Flasche und bleibt dann an den Pommes frites trotzdem so schön kleben? Dank Nanotechnologie. Genauer dank ganz feinem Quarzsand (Siliziumdioxid), welcher der roten Tomatensauce in der Menge von zwei bis drei Prozent beigemischt wird und für die gewünschten Fliesseigenschaften sorgt.

Schwer vorstellbar, dass sich eine Technologie, die sich mit einem so harmlosen Stoff befasst wie Sand, zu einer gesellschaftlichen Debatte über Chancen und Risiken führen soll. Doch dieser Eindruck könnte täuschen.

An einer "Lernexpedition" der Stiftung "Risiko-Dialog" mit dem Titel "Nano: Zwischen Zweifel und Zuversicht" ging es kürzlich an der Empa (Eidg. Material-und Prüfungsanstalt) in Dübendorf genau um diese Frage. Wird es nach der Gentechnologie die Nanotechnologie sein, welche Nicht-Regierungsorganisationen, Ethik-Kommissionen, politische Kommissionen, das Parlament und schliesslich auch die Abstimmenden in emotionale Schwingungen versetzen wird?

Die Schätzungen für das Marktpotenzial der noch jungen Technologie sind beeindruckend. Zwischen 500 und 1500 Milliarden US-Dollar sollen Nanoprodukte im Jahr 2015 einbringen, zitierte Christoph Meili von der Stiftung Risiko-Dialog entsprechende Studien. Rund um den Globus investieren Staaten viel Geld in Nanotechnologieforschung, so auch die Schweiz, welche an der Universität Basel einen nationalen Forschungsschwerpunkt "Nanowissenschaften" finanziert.

Risikospezialist Meili sieht einige Gefahren, welche das Potenzial an seiner Entfaltung behindern könnten, und einige Parallelen zur Gentechnologie, deren Entwicklung zumindest partiell durch gesellschaftlich-politische Prozesse gebremst wird. Wie bei der Gentechnologie sei auch bei der Nanotechnologie das Risikoprofil unbekannt, es würden Schäden an Umwelt und Gesundheit befürchtet und die wissenschaftlichen Inhalte seien komplex.

In den USA hat diese Verknüpfung Ende der 90er Jahre eine Diskussion ausgelöst, die unter dem Schlagwort "Grauer Schleim" (Grey goo) zusammengefasst werden kann. Nach diesem von Nano-Wissenschaftlern als unmöglich klassifizierten Horrorszenario könnten dereinst winzig kleine, sich selbst replizierende, graue Nanoroboter die ganze Erde und ihre Biosphäre überwachsen und alles natürliche Leben buchstäblich ersticken. Weitere Fiktionen gehen in die Richtung Cyborgs, also Menschen, deren Leistungsspektrum mit allen möglichen (Computerchip-)Prothesen erweitert wird.

 

Von Anti-Gentech zu Anti-Nano

Visionen dieser Art haben in den USA im Jahr 2000 zu ersten Moratoriumsaufrufen geführt, etwa durch den Informatiker Bill Joy. Die jüngste Moratoriumsforderung für bestimmte Anwendungen der Nanotechnologie stammt von der kanadischen ETC-Gruppe, Action Group on Erosion, Technology and Concentration (siehe Interview unten). Dabei handelt es sich um die Nachfolge-Organisation der Rafi, die sich seit seit langem vehement gegen die Anwendung der grünen Gentechnologie wehrt. Die ETC-Group unter der Leitung des Anti-Gentech-Aktivisten Pat Mooney hat ihr Spektrum nun um Nanotechnologie und Robotik erweitert. In einem ähnlichen Schritt hat sich der radikale Gentech-Pflanzen-Gegner Prinz Charles nun ebenfalls gegen die Nanotechnologie gewandt.

Risikospezialist Meili erwartet, dass "es bald auch in Europa zu einer extensiven Debatte über Nanotechnologie kommen wird". Die Technologie stecke in einer gesellschaftlichen Latenzphase ähnlich wie die (grüne) Gentechnologie vor etwa 20 Jahren, als die Chancen und Risiken erst von Experten diskutiert wurden.

In der Gentechnologie-Debatte seien die Sorgen und Ängste der Bevölkerung nicht genügend ernst genommen worden, diagnostiziert Meili und rät, auf "Schwarz-Weiss-Zeichnungen" seitens der Nanotechnologen sei zu verzichten. Der Dialog mit der Bevölkerung sei jetzt zu suchen. Vor allem dürften mögliche Risiken nicht von vorn-herein ausgeblendet werden.

Der Ethiker Klaus Peter Rippe, Interims-Präsident der Eidg. Ethikkommission für die Gentechnik im ausserhumanen Bereich, stellte sich die Frage, ob es sich bei der Nanotechnologie um eine "normale" Technologie wie das Auto oder den Kühlschrank handle oder um eine "revolutionäre", etwa wie die Gentechnologie oder die Atomtechnologie. Bei der Auseinandersetzung mit einer "normalen" Technologie können die anstehenden Probleme anhand von anerkannten ethischen Prinzipien in einer Gesellschaft angegangen und in der Regel auch gelöst werden; ein Beispiel war die Einführung des Computers in die Bürowelt. Dabei gelten die drei Prinzipien Respekt (vor den betroffenen Personen), Gerechtigkeit (der Verteilung) und Nachhaltigkeit.

 

Nanotech nicht revolutionär

Technologien wie Atom-oder Stamzell-Technologie schüren Misstrauen, weil sich wegen Grenzüberschreitungen (Spaltung des Atomkerns, Embryonenforschung) neuartige ethische Fragen stellen, die im "normalen" Diskurs nicht gelöst werden können. Deshalb entwickle sich hier die bekannte Kaskade von ausserparlamentarischer Opposition, Technologiefolgenabschätzungen, Ethikkommissionen...

Rippe vertrat die Meinung, bei der Nanotechnologie handle es sich um eine "normale" Technologie. Zwar enthalte das Horrorszenario "Grauer Schleim" durchaus revolutionäre Aspekte, vor allem, was das Ausmass der angekündigten Katastrophe anbelange, das Szenario sei aber klar als Fiktion einzuordnen. Auch in der "unheiligen Dreifaltigkeit" von Nanotechnologie, Computerwissenschaft und Biotechnologie, die zu Menschmaschinen führen sollen, stecke revolutionäres Potenzial. Doch auch dies sei auf absehbare Zeit reine Utopie, weshalb die Einstufung der Nanotechnologie als revolutionäre Technologie nicht wirklich überzeuge.

Das heisse, dass die Wissenschaftler, Ingenieure und Mediziner sich bei der Wahrnehmung ihrer Verantwortung auf ethische Prinzipien stützen können, die sich in unserer Gesellschaft bewährt haben.

 

Was ist Nanotechnologie?

thm. Nanotechnologie ist eine Querschnittsdiziplin aus Physik, Chemie und Biologie mit enorm breitem Anwendungsspektrum. Ein Nanometer ist schwer vorstellbar, da enorm kurz: Entspricht die Distanz Basel-Bern einem Meter, so entspricht die Dicke eines Bleistiftstrichs einem Nanometer. Nanotechnologie oder Nanowissenschaften funktioniert mit winzig kleinen Molekülen oder gar einzelnen Atomen, die gezielt zusammengesetzt, gesteuert oder analysiert werden. Anwendungen der Nanotechnologie sind zum Beispiel: sich selbst reinigende Fensterscheiben, die sich automatisch verdunkeln, schlag-und kratzfeste Oberflächenvergütungen oder photovoltaische Lichtfänger. Im medizinischen Bereich wird an neuen Transportvehikeln für Medikamente geforscht.

 

Risiken jetzt abklären

aheu. Kritiker der Nanotechnologie fürchten insbesondere die Nanopartikel, zum Beispiel die winzigen Titanium-Teilchen, die neuen Sonnencremes beigemischt werden können. Mit diesen Partikeln wollen die Hersteller eine schon beim Auftragen unsichtbare Sonnencreme produzieren. Hier besteht aber die Befürchtung, die winzigen Partikel könnten durch die Haut in den Körper eindringen und so bislang unbekannte Schäden anrichten. Risiken könnten auch von den Nanoröhrchen ausgehen, winzigen Kohlenstoff-Röhrchen, die in neuen Flach-Bildschirmen zur Anwendung kommen könnten.

Ein generelles Moratorium für die Nanotechnologie lehnt Hans-Joachim Güntherodt zurzeit ab. Für den Leiter des Forschungsschwerpunktes "Nano" an der Uni Basel ist aber klar, dass Gefahren bestünden, die man abklären müsse. Verschiedene Szenarien gelte es zu unterscheiden, meint der Physik-Professor. Die Schreckensvision eines Angriffs von Nanorobotern sei aber unrealistisch. Pläne für solche Minimaschinen seien zu mechanisch. "Eine Achse, die ein paar Atome dick sein soll, das ist Unsinn", sagt Hans-Josef Hug, Nanoforscher an der Universität Basel. Auch das Tunnelmikroskop, das er und sein Team gebaut haben und das kleinste Strukturen abbilden kann, könne niemandem schaden.

Geht es aber um Anwendungen wie Nanopartikel in der nächsten Generation von Sonnencremes oder die so genannten Nanoröhrchen, sind die Physiker vorsichtiger mit ihren Aussagen. "Ich könnte mir vorstellen, dass Produkte mit Nanopartikeln bei gewissen Menschen eine allergische Reaktion hervorrufen könnten", sagt Hug. Man müsse deshalb Studien durchführen, bevor man diese Produkte auf den Markt bringe. Das Risiko sei aber sehr klein.

Auch bei den Nanoröhrchen sind sich die Forscher offenbar noch nicht über die Gefahren im Klaren. Laszlo Forro, Nanoforscher an der ETH Lausanne, bestätigt, dass es derzeit keine fundierten Studien im Umgang mit Nanoröhrchen gebe. "Die Hauptsorge besteht darin, dass Nanoröhrchen ähnliche Eigenschaften haben könnten wie Asbestfasern, die Krebs auslösen können. Für einen Beweis, ob Nanoröhrchen gefährlich sind, brauche es eine fundierte, dreijährige Studie. Eine solche Studie ist in Lausanne in Planung. "Es ist klar: Wir müssen vorsichtig sein im Umgang mit den Röhrchen. Aber noch werden sie nicht in grossem Stile produziert. 2002 wurden weltweit sieben Kilogramm davon hergestellt."

Nun suchen die Nanoforscher den Kontakt mit der Öffentlichkeit. Professor Güntherodt plant gemeinsam mit der Stiftung Risiko Dialog eine Plattform, wo die Bevölkerung über die Risiken und Chancen diskutieren soll.

 

"Wir sind der Spur von Bio- zu Nanotech gefolgt"

Basler Zeitung: Im Moment gibt es keine Beweise, dass die Technologie dem Menschen schaden könnte. Warum fordern Sie ein Moratorium?

Pat Mooney: Mit dieser Forderung sind wir zwanzig Jahre zu spät. Seit Mitte der 70er Jahre wird an Nanopartikeln geforscht. Aber noch haben sich die Forscher auf keine Regeln im Umgang mit diesen Partikeln einigen können. Gewisse südafrikanische Forscher beispielsweise lehren ihre Studenten, dass sie die Nanopartikel gleich behandeln sollen wie das Aids-Virus. In Frankreich und auch in der Schweiz arbeiten die Nanoforscher mit Schutzmasken, was ungefähr so wirksam ist, wie wenn man versucht, mit einem Volleyball-Netz Moskitos abzuwehren. Die Nanopartikel sind viel zu klein, um von einer solchen Maske zurückgehalten zu werden. Bislang gibt es praktisch keine Studien, die beweisen, dass diese Partikel sicher sind. Solange man nicht weiss, wie diese Teilchen wirken, sollte man dieser Forschung ein Moratorium auferlegen. Wir müssen auch die Forscher vor möglichen Risiken schützen.

Ein Moratorium wäre nur so lange in Kraft, bis sich die Forscher auf ein gemeinsames Vorgehen im Umgang mit Nanotechnologie geeinigt haben und Studien gezeigt haben, dass sie sicher ist. Es ist nun Aufgabe der einzelnen Länder, solche Studien zu veranlassen. Insbesondere gilt das für Produkte, die bereits auf dem Markt sind und die mit der Haut in Berührung kommen, Sonnencremes mit Nanopartikeln zum Beispiel. Produkte, die man kleinen Kindern täglich auf die Haut schmiert, sollte man aus den Läden zurückziehen. Es gibt noch viele andere Produkte, die noch nicht getestet wurden.

BAZ: Es gibt eine grosse Lücke zwischen Europa und Nordamerika in Bezug auf die Nanotechnologie-Debatte. In Nordamerika findet derzeit eine Debatte statt, nicht aber in Europa sind Nordamerikaner besser informiert als Europäer?

PM: Ich denke nicht. Die Debatte hat hier eigentlich erst vor 14 Monaten begonnen und sie hat noch nicht die breite Bevölkerung erreicht. Generell denke ich, dass in Europa Sicherheitsfragen im Umgang mit neuen Technologien stärker diskutiert werden als in den USA.

BAZ: In der Vergangenheit waren Sie bekannt als ein Gegner der grünen Gentechnologie. Jetzt haben Sie Ihr Spektrum auf die Nanotechnologie ausgeweitet. Warum?

PM: Es war für uns unausweichlich. Die Wissenschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten auf das immer Kleinere konzentriert. Wir bemerkten, dass auf dem Gebiet der Nanowissenschaft viel Forschung betrieben wurde. Und bei näherem Hinschauen haben wir gesehen, dass das Auswirkungen für Entwicklungsländer haben könnte.

BAZ: Wird Nanotech Biotech ersetzen?

PM: Nein, was wir als Nächstes sehen werden, ist Nanobiotechnologie. Die Grenzen sind bereits am Zerfliessen. Das beinhaltet auch die Manipulation von genetischem Material auf der Ebene der Atome.

BAZ: Verknüpft man da nicht die Angst vor der Biotechnologie mit der noch "unbefleckten" Nanotechnologie?

PM: Das ist nicht unsere Absicht. Wir haben nicht verzweifelt versucht, eine Beziehung herzustellen, das hat sich aus den Parallelen dieser beiden Forschungsgebiete ergeben. Wir sind der Spur von Biotech gefolgt und auf Nanotech gestossen.

BAZ: In Ihrem Bericht haben Sie Nanotech, Biotech, Informatik, Robotik und Neurowissenschaften unter "Atomtech" zusammengefasst. Warum?

PM: In all diesen Technologien geht es um die Manipulation von Atomen. All diese Technologien treffen sich auf der Nanoebene. Nano hört sich aber eher neutral an, der richtigere Begriff dafür ist wohl Atomtech.

BAZ: Atom hat eine negative Bedeutung in Deutsch, weil die Menschen es mit Kernenergie verbinden. Haben Sie deshalb den Begriff gewählt?

PM: Nein, aber das ist keine unrealistische Einschätzung, weil die Kernenergie auch involviert ist. Alles Material, biologisch oder nicht, hat eine gemeinsame Basis: die Atome. In Zukunft ergibt sich daraus die Möglichkeit, lebendes mit totem Material zu verbinden und so genannte Cyborgs zu entwickeln.

 

Die Artikel erschienen in der Basler Zeitung, am 15 Juli 2003.

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