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Mehr Lebensqualität oder Spionage (Tages-Anzeiger) Drucken

 

Ohne dass wir es wissen, sind wir von immer mehr winzigen Datenspeichern umgeben. In der Fachwelt beginnt jetzt die Diskussion der Risiken.

Walter Jäggi


Pervasive Computing (alles durchdringende Datenverarbeitung) heisst der Begriff für einen grossen Trend der Informations- und Kommunikationstechnik. Zu verstehen darunter sind kleinste elektronische Systeme, welche Daten sammeln, speichern und austauschen können und so winzig sind, dass sie unbemerkt in Alltagsgegenstände eingebaut werden können. Typischer Vertreter dieses Konzepts ist RFID (der Funkchip, dessen Daten berührungslos abgelesen und unter Umständen auch aktualisiert werden können).
«Pervasive Computing birgt Konfliktpotenzial», sagt Katrin Meier, Leiterin des Bereichs Informations- und Kommunikationstechnologie bei der Stiftung Risiko-Dialog. Die Stiftung, eine Gründung der Universität St. Gallen, heute getragen von Behörden, Unternehmen und Verbänden, hat interessierte Kreise zu einem Dialog zusammengerufen. Das Ergebnis diverser Gesprächsrunden liegt nun vor, ein so genannter Kompass, der Aussichten und Einsichten auflistet und Ideen für künftige Verhaltensregeln enthält.

Vorteile und Nachteile
Dass RFID-Chips verwendet werden, um Pakete, Einzelteile oder Werkzeuge zu kennzeichnen und durch Lager und Fabriken automatisch zu verfolgen, ist in manchen Branchen bereits selbstverständlich. Das Publikum ist davon kaum betroffen, mit der Gefahr des Missbrauchs (Werkspionage) müssen die Betriebe fertig werden.
Ganz anders, wenn die Chips nicht nur Produkteinformationen enthalten, sondern Personendaten. Es gibt Anwendungen in der Medizin, die einerseits sehr hilfreich sind für die Patienten (z. B. Daten über Allergien, im Notfall benötigte Medikamente usw.), aber nicht in unbefugte Hände fallen dürfen (z. B. Arbeitgeber, Versicherung). Es darf auch nicht sein, dass die Informationstechnik Entscheide über Behandlungen vorwegnimmt oder fällt.
Vorgeschlagen wird in dem Papier, dass Patienten ihre Einwilligung geben müssen, wenn ihre Daten in einem Gerät des Pervasive Computing gespeichert werden. Und dass die Patienten jedes Jahr über die gespeicherten Informationen ins Bild zu setzen sind. Die Datenhoheit, so der Grundsatz, müsse beim Patienten liegen.
Die Patienten erwarteten von der Informationstechnik eine Verbesserung der Behandlungsqualität, hätten aber Angst davor, zum «gläsernen Patienten» zu werden, sagte Christiane Roth, Direktorin des Zürcher Universitätsspitals, an der Präsentation des Kompass. Es bestehe hier noch viel Diskussionsbedarf, auch wenn der Risiko-Dialog eine wertvolle erste Kontaktnahme zwischen Organisationen mit ganz unterschiedlichen Interessen erlaubt habe.
Einen schnellen Fortgang der technischen Neuheiten sieht hingegen Jürg Bloch, Informatikchef des Detailhandelskonzerns Manor. Im Handel herrsche eine richtige Euphorie für die RFID-Etiketten, welche die Logistik erheblich vereinfachen würden. Innert zehn Jahren werde diese Technik so selbstverständlich sein wie heute der Strichcode. Man dürfte dann seine Einkäufe bequem selber an der Kasse scannen und natürlich bargeldlos zahlen.
Dass die im Laden anfallenden Informationen über die Kunden (Produktevorlieben, Einkaufsbudgets, Konsumverhalten) hinter dem Rücken der unfreiwilligen Datenlieferanten zusätzlich ausgewertet werden können, ist ein gewisses Risiko. Ein klarer Vorteil der neuen Technik: Die Rückverfolgung einzelner Produkte bis zum Ursprungsort samt Informationen über die Transportkette wird möglich und verbessert die Transparenz beispielsweise bei Biofleisch oder Tiefkühlgut.
Der Risiko-Dialog wurde von den Fachleuten begrüsst. Allerdings liessen einige von ihnen auch durchblicken, dass die Einflussmöglichkeiten bei einem derart breiten Trend beschränkt sind.
Beim öffentlichen Verkehr etwa war die Schweiz mit dem Projekt Easy Ride vor Jahren weltweit in einer Pionierrolle. Sensoren sollten den Weg des Fahrgastes automatisch erfassen, sodass Ende Monat Rechnung für die Fahrten gestellt werden könnte. Easy Ride scheiterte nicht an der Technik, sondern an der Politik. Und inzwischen sei es ausgeschlossen, hier international noch mitzumischen, sagte Ruedi Flückiger von der SBB-Informatik.

Kompass und vollständiger Bericht zu Pervasive Computing sind erhältlich via www.risiko-dialog.ch.

Der Artikel und der Kommentar sind am 12. September 2006 im Tages-Anzeiger erschienen.

Originaldatei als PDF verfügbar: Mehr Lebensqualität oder Spionage?