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Pervasive Computing: Kampf dem Boykottrisiko (Netzwoche) Drucken



Die Stiftung Risiko-Dialog präsentierte ihren «Kompass zu einem verantwortungs­vollen Einsatz von Pervasive Computing». Darin enthalten sind die wichtigsten Handlungsempfehlungen für alle Beteiligten.

Von Christine Spirig

«Die Politik schläft noch beim Thema Pervasive Computing.» Die Aussage von Nationalrätin und Swiss-ICT-Vorsteherin Kathy Riklin am Medien­gespräch vom 5. September sollte Beat Rudin beruhigen. Der Geschäftsführer der Stiftung für Datenschutz und Informationssicherheit wehrt sich dagegen, dass die Gesetzgeber voreilig in den Entwicklungsprozess «Pervasive Computing» eingreifen.
Auch wenn sich das Parlament noch verhalten zeigt, die Debatte um den Einsatz von Pervasive Computing hat längst begonnen. Betroffen sind all jene Organisationen, die Pervasive Computing entwickeln, herstellen, vertreiben, anwenden oder nutzen. Gemeinsam müssen nun Lösungen gesucht werden, die von allen Beteiligten akzeptiert werden können.

Frühzeitiger Dialog fördert Akzeptanz
Dieser Gedanke stand auch hinter dem von der Stiftung Risiko-Dialog initiierten Meinungsaustausch. Während mehrerer Monate diskutierten 45 Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und NGOs die Auswirkungen des Einsatzes von Pervasive Computing. Entstanden ist ein «Kompass zu einem verantwortungsvollen Einsatz von Pervasive Computing». Er enthält Anregungen, um Transparenz und informationelle Selbstbestimmung, Wahlfreiheit und Entscheidungshoheit zu fördern sowie Anliegen des Umwelt- und Gesundheitsschutzes einzubeziehen.
Wie jede neue Technologie birgt Pervasive Computing Konfliktpotenzial. Solchen Auseinandersetzungen könne entgegengewirkt werden, meint Katrin Meier, Leiterin Bereich ICT der Stiftung Risiko-Dialog, indem die Diskussionen um die Risiken frühzeitig in Angriff genommen würden.
Für Fritz Sutter, Vorstandsmitglied von Asut und der Dachorganisation ICT Switzerland, besteht das Fazit aus dem Risiko-Dialog in der Erkenntnis, dass Gefahren früh erkannt, offen kommuniziert und im internationalen Rahmen berücksichtigt werden müssen. Neben der Sicherheits-und Datenschutzproblematik besteht in besonders starkem Ausmass das Risiko der Nicht-Akzeptanz durch den Konsumenten. Und Beat Rudin fügt hinzu: «Entwickler und Anbieter müssen zur Ansicht gelangen, dass Pervasive Computing nur dann eine Erfolgsstory werden kann, wenn das Boykottrisiko vermindert wird.»

Konkurrenzkampf im Detailhandel
Im Retail-Bereich ist Pervasive Computing im Vergleich zu anderen Branchen schon weiter fortgeschritten. Projekte mit der Funktechnologie RFID sind – wenn auch noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit – bereits in Angriff genommen worden. Wie Jürg Bloch, CIO bei Manor, erklärt, gebe es momentan noch einige technische Hürden. Die Herausforderung sei aber, die Emotionen, die mit dem RFID-Chip verbunden seien, rechtzeitig in die richtigen Bahnen zu lenken. In einem offenen Markt wie dem Detailhandel müsse damit gerechnet werden, dass Nischenanbieter RFID-freie Angebote auf den Markt bringen würden und so misstrauische Konsumenten abwerben könnten. Andererseits müsse man mit der internationalen Entwicklung Schritt halten. In zehn Jahren, schätzt Bloch, werde sich die Technologie auch hierzulande durchgesetzt haben. Unumgänglich sei dabei die Wahlfreiheit, betont Bloch. Der Konsument sollte stets selbst entscheiden dürfen, ob er das System nutzen möchte oder nicht. Diese Entscheidungsfreiheit müsse von Anfang an in das System eingebaut werden, ergänzt Rudin.

Spannungsfeld E-Health
Auch im Gesundheitsbereich ist die Wahlfreiheit ein brisantes Thema. Die hohen Erwartungen der Patienten, was die Betreuungs- und Dienstleistungsqualität betrifft, stehen im Kontrast zum Datenschutz und der Furcht vor dem «gläsernen Patienten». Wie Christiane Roth, Direktorin des Universitätsspitals Zürich, ausführt, soll diese Angst beseitigt werden, indem das Individuum den nächsten Schritt immer selbst freilegt.
Im Plenum machen sich bezüglich der praktischen Umsetzung individueller Selbstbestimmung Zweifel breit. Wie die einzelnen Akteure letztlich ihre Erwartungen und Anforderungen verwirklichen werden, ist noch offen. Viele Fragen bleiben vorerst unbeantwortet. Es geht um ein ständiges Abwägen von Nutzen und Risiken. Die Teilnehmer sind jedoch optimistisch, zum Ziel zu gelangen. Der Dialog hat für einmal rechtzeitig begonnen und bietet damit die Chance, geeignete, für alle tragbare Lösungen zu entwickeln.
www.risiko-dialog.ch

Dieser Artikel erschien in der Netzwoche am 13. September 2006

Originaldatei als PDF verfügbar: Pervasive Computing: Kampf dem Boykottrisiko