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Katrin Meier von der Stiftung Risiko-Dialog hat zusammen mit Fachleuten aus der Wirtschaft, der Wissenschaft und den Behörden einen Kompass für die richtige Anwendung des Pervasive Computing erarbeitet. Jede und jeder soll Herrin oder Herr über seine eigene, wachsende Datenspur werden. Von Bruno Knellwolf Frau Meier, warum braucht es einen «Kompass zu einem verantwortungsvollen Einsatz von Pervasive Computing»? Katrin Meier: Weil neue Technologien in der Gesellschaft häufig umstritten sind, wie beispielsweise auch die Gen- oder Nanotechnologie. Es lohnt sich deshalb, frühzeitig zu diskutieren, wo die Chancen und wo die Gefahren liegen und wie mit den Risiken umgegangen werden könnte. Pervasive Computing birgt das grösste Konfliktpotenzial im Zusammenhang mit dem Datenschutz.
Welches sind denn die Vorteile dieser Technik? Meier: Im Detailhandel beispielsweise sollen Konsumenten durch elektronische Etiketten mehr Informationen über das Produkt erhalten. Sie erfahren, woher ein Produkt kommt, durch welche Stationen es gelaufen ist, oder werden auf Substanzen im Produkt aufmerksam gemacht, auf die sie allergisch sein könnten. Vorstellbar ist auch, dass Kunden nicht mehr an der Ladenkasse anstehen müssen. Die Produkte im Einkaufskorb werden automatisch von einem Lesegerät erfasst, wenn die Kunden durch eine Schranke fahren, und der Kundenkarte belastet. Im Gesundheitswesen könnten ambulante Patienten wie beispielsweise Diabetes-Kranke besser kontrolliert werden. Sie tragen ein Gerät, das regelmässig den Blutzucker und die Herztätigkeit misst und diese automatisch an ein medizinisches Kontrollzentrum übermittelt. Dieses kann im Notfall schneller eingreifen. Dadurch erhielten ambulante Patienten mehr Bewegungsfreiheit oder könnten allenfalls das Spital schneller verlassen.
Die Experten, die zusammen mit der Stiftung Risiko-Dialog den Kompass entworfen haben, haben sich Gedanken über gesellschaftliche Konsequenzen wegen des Einsatzes von Pervasive Computing gemacht. Auch über konkrete Fragen? Zum Beispiel, ob Arbeitsplätze verloren gehen, wenn es die Frau an der Ladenkasse nicht mehr braucht? Meier: Mit einer neuen Technologie verändert sich die Arbeitswelt, ebenso die Art und Weise der Arbeit. Ob es weniger oder mehr Arbeitsplätze durch die neue Technologie gibt, ist im Moment schwierig abzuschätzen. Stärker diskutiert wurde der Einfluss von Pervasive Computing auf die Privatsphäre der Menschen, ebenso wurden beispielsweise ökologische Risiken angesprochen.
Welche ökologischen Risiken? Meier: Wenn in viele Alltagsgegenstände elektronische Chips eingebaut werden, entsteht mehr elektronischer Abfall. Umgekehrt könnten die neuen Technologien auch dazu dienen, das Recycling zu optimieren und die Umweltbelastung dadurch zu reduzieren.
Gibt es eine geschlossene oder organisierte Gegnerschaft des Pervasive Computing? Meier: In der Schweiz würde ich nicht von einer Gegnerschaft sprechen. Skepsis gibt es bei Konsumenten-, Datenschutz- und Patientenorganisationen. Bereits mehr Widerstand gibt es in Deutschland. Der Verein Foebud etwa hat schon mehrmals gegen den Einsatz der Funktechnologie RFID demonstriert. Auch in den USA ist beispielsweise die Organisation Caspian sehr aktiv und hat zum Boykott gegen Benetton aufgerufen, als dieser RFID-Tags in Textilien einnähen wollte.
Pervasive Computing ermöglicht eine kontaktlose Identifikation und Lokalisation von Objekten. Welcher Missbrauch ist denn denkbar? Meier: Befürchtet wird vor allem, dass das Verhalten von Personen immer exakter aufgezeichnet wird, dass verschiedene Daten miteinander verknüpft und so beispielsweise Bewegungsprofile erstellt werden. Oft ist vom «gläsernen Patienten» die Rede. Es besteht die Angst, dass heikle Personendaten in falsche Hände geraten könnten und man statt von einem «Big Brother» von vielen «Little Brothers» überwacht wird.
Skepsis hin oder her, die Entwicklung dieser neuen Technologie und der Einsatz in verschiedenen Bereichen ist nicht zu stoppen. Was will der Kompass? Meier: Der Kompass richtet sich an Organisationen und Unternehmen, die mit Pervasive Computing arbeiten. Er gibt Empfehlungen, wie die Privatsphäre von Konsumenten geschützt werden könnte. Konsumenten oder Patienten sollen in die Datenerfassung und Datenverarbeitung einwilligen können.
Interview: Bruno Knellwolf
Dieses Interview erschien im St. Galler Tagblatt am 16. September 2006
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