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Alles «verchipt» (St. Galler Tagblatt) Drucken

 

Wir sind immer mehr von winzigen Datenspeichern und Sensoren umgeben. Diese unter dem Begriff Pervasive Computing zusammengefasste Technologie macht einige skeptisch.

Von Bruno Knellwolf

Was zitterten die Menschen vor 150 Jahren vor dem schnaubenden Dampf-Schienenross, der Eisenbahn. Skepsis und Angst haben wohl jede technische Entwicklung begleitet, oft zu Recht, manchmal zu Unrecht. Bei der Nanotechnologie und dem Pervasive Computing ist das nicht anders, und auch hier ist noch nicht klar, ob die Angst davor begründet ist oder nicht. Beiden neuen Technologien ist eines gemeinsam: ihre Unsichtbarkeit und Intransparenz.

Alles durchdringend
Beginnen wir beim Pervasive Computing: Eigentlich bedeutet dieser Anglizismus alles durchdringende Datenverarbeitung. Darunter versteht man Anwendungen und Systeme, die mit Chips und Sensoren funktionieren, die unauffällig in Gegenständen, Tieren oder Menschen eingebettet werden. Mit einem Chip lässt sich der Gegenstand lokalisieren, der Chip kann ein Gedächtnis haben, Daten speichern und vieles mehr.
Die häufigste Anwendung im Pervasive Computing funktioniert über die Radio Frequency Identification RFID. Damit wird die kontaktlose Identifikation von Objekten möglich. Die Technik ist einfach: Kleine Chips mit Antennen speichern eindeutige Identifikationsnummern sowie weitere Informationen rund um ein Produkt. Das ganze System umfasst einen Transponder (RFID-Funk-Etikette), ein Lesegerät und eine Serverintegration. Dieser Server kann dann beispielsweise in einem Einkaufsladen stehen und im Kassensystem integriert sein.
Die Datenträger sind heute so winzig und billig, dass sie auf allen Produkten angebracht werden können. Bei den Grossverteilern könnten die RFID-Chips dereinst den Strichcode auf den Produkten ablösen. Steht dann das Lesegerät an der Kasse, wird automatisch zusammengerechnet, was im Einkaufskorb liegt. Ein weiterer Vorteil der RFID-Chips im Lebensmittelbereich ist die mögliche Rückverfolgung bis zum Ursprungsort: Hat dieses Huhn wirklich glücklich auf einem Bauernhof seine Körner gepickt? Eingesetzt wird der RFID-Chip also auch in der Nutztierhaltung sowie in Autoschlüsseln, in Skipässen und in Schliesssystemen. Die alten Hausschlüssel werden durch elektronische Zutrittskontrollen mit RFID-Identifikationstechnologie abgelöst.

Einsatz in der Medizin
Genutzt werden solche Chips auch in der Medizin. Patientendaten zu Allergien oder im Notfall benötigten Medikamenten werden gespeichert. Das führe zu mehr Lebensqualität, weil die Patienten mobiler und unabhängiger von Arztterminen werden. Doch Patientenorganisationen befürchten, solche Daten könnten in falsche Hände geraten. Beispielsweise in jene des Arbeitgebers oder eines Versicherers.
Bei welchem Einsatz auch immer: Die Datenspur eines Menschen wird länger und kann leicht zurückverfolgt werden. Die Angst wächst, der Patient werde «gläsern» und der Einkaufskunde manipulierbar. Die an der Universität St. Gallen gegründete Stiftung Risiko-Dialog hat deshalb zusammen mit 45 Experten einen Kompass für die richtige Anwendung des Pervasive Computings entwickelt (siehe Interview). Denn wenn der Trend schon nicht mehr aufzuhalten ist, sollen wenigstens Richtlinien den Missbrauch verhindern.

Dieser Artikel erschien im St. Galler Tagblatt am 16. September 2006