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Modell zu den Wechselwirkungen in der Risikokommunikation (Forschungsstiftung Mobilkommunikation) Drucken


 

Seit Jahren wird über die potenziellen gesundheitlichen Risiken des Mobilfunks debattiert. Heute beschäftigen Behörden, Mobilfunk-branche und NGOs (Umwelt- und Konsumentenorganisationen) vor allem zahlreiche lokale Konflikte rund um geplante Basisstationen. Zwar schätzt die Bevölkerung den Nutzen der Mobilfunktechnologie klar höher ein als die Risiken, dennoch sehen in der Schweiz rund die Hälfte der Bevölkerung Risiken im Technologieeinsatz. Vor allem die widersprüchlichen wissenschaftlichen Aussagen über die potenziellen Risiken prägen die Debatte des Mobilfunks.

 

Nach wie vor beschäftigt die Akteure in dieser Debatte daher die Frage, wie sie ihre Risiko-kommunikation, d. h. den Prozess des gegenseitigen Abgleichens von Informationen und Argumenten und Bedürfnissen, gestalten sollen. Diese Aufgabe ist nicht trivial und dementsprechend ist der Bedarf an weiterführenden Ansätzen für die Risikokommunikation gross.

 

Methode

Um die relevanten Einf lussgrössen und die Wechselwirkungen in der gesell-schaftlichen Debatte um die gesundheitlichen Risiken des Mobilfunks zu identifizieren, führte die Stiftung Risiko-Dialog aufbauend auf einer Literatur-analyse ein dreistufiges Experten-Delphi durch. Im Delphi wurden Thesen über die Dynamik der Risikodebatte von Experten aus Wissenschaft und Praxis im deutschsprachigen Raum bewertet.

In der ersten qualitativen Befragungsrunde (n = 19) wurde nach allgemeinen Dynamiken in der Mobilfunkdebatte gefragt, d. h. nach der Relevanz einzelner Variablen sowie nach den Wirkungen zwischen diesen Variablen. In den beiden folgenden quantitativen Befragungsrunden (n = 19; n = 17) wurden die erarbeiteten Thesen zu den Wirkungen unterschiedlicher Kommunikations-strategien von Behörden, Branche und NGOs auf die einzelnen Variablen und deren Wechselwirkungen überprüft.

In der dritten Runde wurden allen Experten die Häufigkeiten der genannten Antworten aus der ersten Runde aufgezeigt. Die Experten hatten dadurch die Gelegenheit, Ihre eigenen Antworten in Kenntnis der Gruppenmeinung noch einmal zu überprüfen. Die Auswertung ergab denn auch die erwartete Tendenz hin zur Mehrheitsmeinung. Die Ergebnisse wurden deskriptiv ausgewertet.

 

Diskussion und Fazit

Entstanden ist ein Simulationsmodell, das einen Überblick über das Netz der komplexen Wechselbeziehungen in der Risikodebatte Mobilfunk gibt. Damit lassen sich beispielsweise proaktiv-offene und pragmatisch-zurückhaltende Kommunikationsstrategien von Behörden, Branche und NGOs untersuchen. Dabei interessiert deren Wirkung auf das Vertrauen der Bevölkerung, den Eskalationsgrad der Debatte, die Akzeptanz der Mobilfunktechnologie oder den Informationsstand der Bevölkerung.

Im Experten-Delphi wurde deutlich, dass den verschiedenen Akteuren unterschiedliche Einflussmöglichkeiten auf die Risikodebatte zugeschrieben werden. Den NGOs etwa wird fast einhellig ein wesentlich stärkerer und direkterer Einf luss auf die Intensität der Medienberichterstattung und die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema zugeschrieben als den anderen Akteuren.

Die Mobilfunkbranche und im abgeschwächten Mass auch die Behörden können durch eine proaktiv-offene Strategie eher den Stand des Vertrauens der Bevölkerung und das Mass an Kooperationsbereitschaft unter den Akteuren erhöhen bzw. halten. Kommunizieren sie zu pragmatisch, informieren sie zu zurückhaltend, tragen sie indirekt zu einer Abnahme des Vertrauens und der Kooperationsbereitschaft bei.

Die Behörden haben dabei eine bessere Ausgangslage als die Mobilfunkbranche. Den Behörden wird eine wesentlich höhere Glaubwürdigkeit in der Risikodebatte zugestanden als der Branche. Auch ihr Einf lusspotenzial beispielsweise auf das Vertrauen der Bevölkerung wurde im Experten-Delphi höher eingeschätzt.

Das Modell gibt im wissenschaftlichen Bereich einen Überblick über relevante Einf lussgrössen der Mobilfunkdebatte und ihre gegenseitigen Wechselwirkungen. Das Experten-Delphi hat gezeigt, dass über die Effekte der NGO-Kommunikation auf die Debatte unter den Experten weitgehend Einigkeit besteht. Die Wirkungen der Kommunikation von Behörden und Branchen werden hingegen sehr unterschiedlich beurteilt. Strittig ist beispielsweise, wie es sich auf das Vertrauen und die Risikowahrnehmung der Bevölkerung auswirkt, wenn Behörden und Branche explizit auf Ungewissheit hinweisen – beziehungsweise dass diese Wirkung sehr kontextabhängig ist.

Das Modell kann in der Praxis – sowohl für die Risikodebatte Mobilfunk als auch für andere Risikodebatten – insbesondere als Tool zur Ausbildung und für die Beratung verwendet werden. Es bietet sich als Kommunikationsinstrument an, um Annahmen über den Stand der Risikodebatte zu ref lektieren. Im Rahmen von Beratungen und Schulungen ermöglicht das Modell auf diese Weise auch, gemeinsam adäquate Kommunikationsstrategien für eine Behörde, eine Branche oder eine NGO zu erarbeiten.


Dieser Artikel erschien im Jahresbericht 2007 der Forschungsstiftung Mobilkommunikation

 

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