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Amnesie zwischen digitalem Rauschen und Papierstaub (Netzwoche) Drucken

Ursprünglich sollte die Digitalisierung die Datenarchivierung erleichtern und den Zugriff auf eine
ungeahnte Menge an Informationen ermöglichen. Mittlerweile gibt es jedoch Stauungen im digitalen Menschheitsgehirn, die teilweise noch aus analogen Zeiten stammen.


Christian Walter

Dass die fortschreitende Digitalisierung nicht nur Herausforderungen an Bibliotheken und Archive stellt, sondern auch an die Gesellschaft, ist wohl unbestritten. Strittig ist aber, wie stark sich diese auswirkt. Dieser Frage geht die Veranstaltungsreihe «Verletzlichkeit der Informationsgesellschaft» der Stiftung Risiko-Dialog im Rahmen der Informatica08 nach.
Grundsätzlich teilt sich die Thematik in zwei Bereiche. Einerseits den gesellschaftlichen, in dem den Auswirkungen des veränderten Umgangs mit Informationen nachgegangen wird. Andererseits den technischen, in dem es um rein praktische Fragen geht.
Gemäss Peter Haber, Historiker an der Universität Basel, ist die Diskussion durch eine etwas übertriebene Aufgeregtheit gekennzeichnet,zumindest auf gesellschaftlicher Ebene. Die sich aus der Digitalisierung ergebenden Herausforderungen sind teilweise nicht neu, sondern Erscheinungen, die in der Mediengeschichte immer mit dem Auftreten eines neuen Mediums verbunden waren. So zum Beispiel die Allwissenheitsfantasie im Rahmen von Wikipedia. «Wir sammeln das Wissen der Welt, auch deins», so ein Slogan der Online-Enzyklopädie. Dieser Anspruch geht zurück auf die legendäre Bücherei von Alexandria und
tauchte über die Jahrhunderte immer wieder auf. Zum Beispiel in der Bibliotheca universalis von Conrad Gesner oder auch der Dewey Decimal Classification. Obwohl alles andere als unbrauchbar, konnte schliesslich keines dieser Systeme dem ursprünglichen Anspruch, das Wissen der Welt zu sammeln, genügen.


Digitales Vergessen

Aber auch auf anderer Ebene wiederholt sich die Geschichte. So sind die ersten zehn Jahre des Webs mehr oder weniger verloren. Dies galt schon für den Buchdruck. Anscheinend geht das Auftreten eines neuen Mediums mit dem Unvermögen einher, das zu erhalten, was sich als Erstes daraus entwickelte. Dies ist insofern nicht weiter verwunderlich, da sich die Relevanz einer neuen Technologie erst auf lange Sicht zeigt. Zwar gibt es im Internet mittlerweile verschiedene Projekte, wie zum Beispiel das Internet Archive oder auch das hiesige Webarchiv Schweiz, die versuchen, die vergangenen Iterationen des Webs aufzubewahren, dennoch wird es wohl noch eine Weile dauern, bis sich diese Projekte verlässlich einspielen – wenn überhaupt.


Digitale Unförmigkeiten

Auf technischer Ebene ist die Problematik bereits deutlicher zu spüren. Neben dem Problem des Speicherns und Ablegens gibt es auch das Problem des Lesens. Dies zeigt sich nirgendwo so deutlich wie bei digitalen Fotos. Hier gefährdet ein Wildwuchs nicht dokumentierter Formate seitens der Kamerahersteller zusehends
die Archivierung, besonders im professionellen Bereich. Dies gilt aber genauso für Text-, Audio- und Videodaten. Quelle solcher Probleme sind häufig proprietäre Formate. Da die Entwicklungszyklen sehr kurz sind, kann die Lesbarkeit eines Formats plötzlich mit einer neuen Gerätegeneration verschwinden.
Dar über hinaus stellt sich die Frage, ob Betriebssysteme und Anwendungssoftware zum Öffnen der gespeicherten Dateien in Zukunft zur Verfügung stehen. Diese Probleme haben alle eins gemeinsam,
sie spielen im digitalen Raum. Es gibt jedoch noch eine weitere Dimension, und zwar die physische. Wie lang bleibt die physische Integrität eines Datenträgers erhalten? Während Papier unter günstigen Umständen
noch nach vielen hundert Jahren lesbar ist, verlieren Magnetbänder ihre Speicherfähigkeit schon nach zwanzig bis dreissig Jahren. Bei CDs gehen die Schätzungen weit auseinander. Je nach Gutachten wird mit zwischen zwanzig und achtzig Jahren gerechnet. Bei selbstgebrannten CDs sind die Fristen wesentlich
kürzer. Festplatten sind auch eher unbeständig, mehr als einige Jahre Betrieb überdauern sie nicht.

Staub zu Staub

So gesehen haben digitale Speichermedien trotz aller Versprechen um ihre Haltbarkeit nur eines gemeinsam: Bei keinem lässt sich hundertprozentig sicherstellen, dass es sich nach mehr als fünf Jahren noch auslesen lässt. Leider ist damit das Ende der Kette noch nicht erreicht. Denn selbst wenn es dem Datenhungrigen der Zukunft gelingt, alle diese Hürden zu nehmen, bleibt am Ende noch die Frage, ob
auch ein Laufwerk zum Lesen der CD oder DVD existiert. Was tut also der Bibliothekar der Zukunft? Tingelt er seine Vorfahren verfluchend von Schrottplatz zu Schrottplatz?

Dieser Artikel erschien in der Netzwoche 09/2008

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