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Wir sollten darüber diskutieren, ob und wie weit menschliche Stammzellen für die Forschung benutzt werden dürfen. Doch die Debatte findet nur unter Eingeweihten statt. Weshalb?
Von Rolf App
Beat Glogger hat nachgezählt. Zwischen dem 14. Februar 2001 und dem 14. Februar 2003 hat die «Berner Zeitung» 50 Artikel zum Thema Stammzellen veröffentlicht. Bei der NZZ waren es 98, beim «St. Galler Tagblatt» 115, bei der «Aargauer Zeitung» 117, beim «Tages-Anzeiger» 132, bei der «Basler Zeitung» 184. «Zum Vergleich: Als 1983/84 die Waldsterbediskussion ihren Höhepunkt erreichte, publizierte die NZZ 40 Artikel dazu. Man sprach damals von Medienhysterie.»
Die veröffentlichte Meinung Umgekehrt sind Stammzellen in den Leserbriefen kaum ein Thema. Beat Glogger, heute freier Journalist und lange Leiter des Wissenschaftsmagazins MTW, zieht daraus den Schluss: «Die veröffentlichte Meinung stimmt nicht mit der öffentlichen Meinung überein.» Will heissen: Während Wissenschaftler und Politiker debattieren und der Bundesrat eilig ein Embryonenforschungsgesetz auf den parlamentarischen Weg bringt, legt der Bürger (noch) die Hände in den Schoss. Auch Tagungen wie diese, veranstaltet von der Stiftung Risiko-Dialog (siehe «Stichwort»), finden Echo vor allem unter Eingeweihten. Hier wird allerdings nicht einfach ein weiteres Mal über jene Alleskönner unter den Zellen diskutiert, die man Stammzellen nennt und mit deren Hilfe die Medizin dereinst Krankheiten kurieren und Gewebe nachwachsen lassen will. Auch die gewichtigen ethischen Fragen stehen nicht im Zentrum: Stammzellen können am besten gewonnen werden aus sehr frühen Embryonen, die in der Schweiz in unbekannter Zahl tiefgefroren von künstlichen Befruchtungen übrig geblieben sind. Darf man sie der Forschung opfern, was bisher verboten war? Darf man sogar neue Embryonen erzeugen für diesen edlen Zweck der Medizin? Oder wird da menschliches Leben vernichtet?
Der «Krieg der Worte» Man könnte einen solchen Embryo auch aus der Körperzelle eines Erwachsenen herstellen und so jede immunologische Abstossung verhindern - dies wäre dann das so genannte therapeutische Klonen. Der Basler Hämatologe Alois Gratwohl meint das, spricht aber lieber vom «Kerntransfer». Er liefert damit ein schönes Beispiel für den «Krieg der Worte», der bereits ausgetragen wird. Ist dieser frühe Embryo nun ein Zellhaufen, demzufolge nicht so schützenswert? Haben wir es mit werdendem Leben zu tun, dessen Vernichtung - oder Tötung, oder Verbrauch, je nach Standpunkt - schon genau legitimiert werden müsste? Es geht um Worte, und es geht um Fragen. Bärbel Hüsing vom Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung in Karlsruhe hat in einer dicken Studie nicht nur die medizinischen, ethischen und wirtschaftlichen Aspekte menschlicher Stammzellen analysiert, sondern auch einen Blick geworfen auf die gesellschaftliche Debatte hierzulande. Diese Debatte, sagt sie, «begann vergleichsweise spät, verlief dann aber durchaus heftig».
Das «Wie» der Debatte Am Anfang standen prozedurale Fragen im Vordergrund, weil der Schweizerische Nationalfonds mit der Unterstützung eines Gesuchs um den Import embryonaler Stammzellen vorpreschte und die Politik in Zugzwang versetzte. «Man hat möglicherweise aus der Genschutz-Initiative gelernt und war sich dessen bewusst, dass das 'Wie' der Debatte von ganz entscheidender Bedeutung ist», erklärt sie weiter.
Das Gefühl sagt Nein Damals, 1998, hat die Wissenschaft zwar obsiegt, aber sie hat mit einer wahren Propaganda-Lawine und der bunten Vermengung von gesichertem Wissen und blossen Hoffnungen die Ängste eher geschürt denn gedämpft. Ängste übrigens, die auch in der Stammzell-Frage virulent sind und die Sergio Bel-lucci vom Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung auf die Kurzformel bringt: «Der Kopf sagt Ja, das Gefühl sagt Nein.» Vielleicht sagt das Gefühl auch Nein, weil «in der Schweizer Debatte die Alternativen deutlich vernachlässigt wurden», sagt Bärbel Hüsing. «Es ging von Anfang an um die überzähligen Embryonen aus der künstlichen Befruchtung.» Damit werde zwar ein pragmatischer Weg beschritten, der aber die Sichtweise verkürze. Ärzten wie Alois Gratwohl kommt sie natürlich sehr entgegen. Beat Glogger spricht von «Fokussierern» und «Ausweitern», die sich gegenüberstehen. Die Fokussierer argumentieren mit dem praktischen Nutzen der Stammzell-Forschung etwa im Kampf gegen Krankheiten und verweisen auf die ohnehin existierenden überzähligen Embryonen (die es gemäss Fortpflanzungsgesetz eigentlich gar nicht geben dürfte). Die Ausweiterinnen wie die Philosophin Carola Meier-Seethaler (siehe «Nachgefragt») argumentieren auf einer Vertrauens-und Werte-Ebene.
Andere Länder, andere Debatte Auch jedes Land hat seinen eigenen Stil. In England hat die Royal Society die Gesetzgebung angestossen und begleitet, mit für die Wissenschaft günstigem Resultat. In Deutschland hat die Politik zwar auf Anstösse aus der Wissenschaft reagiert, dann aber nach sehr grundsätzlicher Debatte ein restriktives Gesetz verabschiedet. Es heisst nicht wie in der Schweiz Embryonenforschungs-, sondern Embryonenschutzgesetz.
Artikel erschienen im St.Galler Tagblatt, am 22. Februar 2003.
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