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"Worüber streiten wir überhaupt?" (Neue Zürcher Zeitung) |
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Interpretationskonflikte in der Stammzellen-Diskussion
hof. Bern
Über Dinge, über die man sich einig ist, muss man sich nicht streiten. Nur: Herauszufinden, wo der Dissens und wo der Konsens liegt, ist nicht immer einfach. Gelingt es aber, den Konflikt genau zu benennen, lassen sich Ressourcen sparen, da man schneller zum Kern der Sache vordringt. Welcher Art nun der Konflikt in der Stammzellen-Debatte ist, darüber machten sich am Samstag in Bern Politiker, Wissenschafter und Verwaltungsangestellte Gedanken. Zur Aussprache hatten die Stiftung Risiko-Dialog und das Bundesamt für Gesundheit (BAG) geladen.
Ethikkommissionen helfen nicht Ortwin Renn, leitender Direktor der Akademie für Technologiefolgenabschätzung in Baden-Württemberg, stellte die entscheidende Frage: «Worüber streiten wir überhaupt?» Und er antwortete: «Über die Interpretation. Wie interpretieren wir das, was wir regeln wollen? Ist die embryonale Stammzelle ein Zellhaufen, ist sie werdendes Leben, das aber noch nicht vollständig ist, oder ist sie potenzielles Leben?» Je nachdem, wie die Antwort ausfällt, entscheidet sich, welchen Umgang man mit embryonalen Stammzellen als zulässig erachtet und welchen nicht.
Daher könnten die Wissenschaften die Stammzellen-Frage nicht lösen, denn wie man die embryonale Stammzelle interpretiere, hänge nicht vom Wissen ab, sagte Renn. Auch wenn man weiss, dass die embryonale Stammzelle ein Zellhaufen ist, kann man sie dennoch als potenzielles Leben betrachten und damit die verbrauchende Forschung daran ablehnen. Auch Ethikkommission könnten bei der Entscheidfindung nicht weiterhelfen, sagte Renn weiter. Denn um einen moralischen Dissens gehe es in der Stammzellen-Debatte nicht. Wenn die embryonale Stammzelle als potenzielles Leben interpretiert werde, ist die Forschung daran zu untersagen, und wenn sie als ein Zellhaufen eingestuft werde, darf man sie der Wissenschaft zuführen. Darin ist man sich einig.
Lob für Parlamentarier Was ist also zu tun? Man müsse nicht erwarten, dass in dieser Frage jemals ein Konsens erreicht werde, sagte Renn. Das Ziel bestehe vielmehr in einem pragmatischen Kompromiss. Foren, runde Tische und Fokus-Gruppen trügen zu einer «informed vote» bei, womit Renn in Abstimmungen geübten Eidgenossen aus dem Herzen sprach. Der Forschungsleiter von Novartis, Paul Herrling, lobte die Parlamentarier. Das nun zu beratende Embryonenforschungsgesetz entspreche ziemlich genau den Ethikregeln, die Novartis firmenintern bereits vor geraumer Zeit aufgestellt habe. Daran erkenne man, dass die Parlamentarier auf die Industrie hörten.
«Experimentiergesetz» Rainer Schweizer, Rechtsprofessor an der Universität St. Gallen, äusserte sich zwar auch anerkennend über den Kenntnisstand der Ständeräte, die das Embryonenforschungsgesetz bereits Mitte März berieten. Dennoch bezeichnete er dieses Gesetz als ein «Experimentiergesetz»: «Es wird wohl höchstens fünf Jahre halten», prognostizierte er. In seinen Augen sei man mit einer «gewissen Zufälligkeit an das Thema herangegangen». Man habe einen Aspekt, nämlich die Stammzellenforschung, aus dem grossen Komplex der Forschung am Menschen herausgebrochen, da in diesem Bereich gerade ein Forschungsprojekt vorgelegen habe. Und BAG-Direktor Thomas Zeltner zeigte sich enttäuscht darüber, dass der Ständerat aus dem Embryonenforschungsgesetz ein Stammzellenforschungsgesetz gemacht habe. Indem der Ständerat entschied, die Embryonenforschung erst zu einem späteren Zeitpunkt regeln zu wollen, habe er die Kohärenz des Gesetzesentwurfs zerstört. Diese Vorgehen habe die Debatte über die Embryonenforschung «zerhackt».
Artikel erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung, am 7. April 2003.
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