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Die Nabelschnur als Versicherung (Basler Zeitung) Drucken

 

In Basel wird seit einigen Jahren eine öffentliche Bank für Nabelschnur-Blut aufgebaut, denn durch die Transplantation der darin enthaltenen Stammzellen können Krankheiten geheilt werden. Nun bieten Firmen das «private Banking» an. Macht diese persönliche Vorsorge Sinn?

 

Von Stefan Stöcklin

 

Wenn die Geburt des Enkelkindes naht, schlägt auch die Stunde der Grosseltern. Reich beschenken sie Kinder und Grosskind und freuen sich über den neuen Stammhalter oder die Stammhalterin. Unter den vielen Möglichkeiten, Freude zu bereiten, bietet sich seit kurzem eine weitere Alternative an: Dem Kind die Konservierung seiner Stammzellen aus dem Nabelschnur-Blut zu finanzieren. Denn in diesem Blut, das bis vor kurzem achtlos fortgeworfen wurde, schlummern wertvolle Stammzellen, die für Behandlungen künftiger Krankheiten genutzt werden könnten.

Konserviert werden die Zellen entweder in öffentlichen Banken, wie dies in Basel und Genf bereits möglich ist. Oder bei privaten Firmen, die das Nabelschnur-Blutbanking seit kurzem als Geschäft betreiben. Während die amerikanische Firma Cryo-Cell diesen Service hierzulande bereits anbietet, dürfte die deutsche Firma Vita34 die Erlaubnis dazu in diesen Tagen erhalten. Wer den Service nutzen will, zahlt für eine Lagerdauer von 20 Jahren bei Cryo-Cell rund 2000 Franken. Vita34 rechnet mit knapp 3000 Franken ein anständiges Präsent.

 

Grosses Potenzial

Doch ist das Geld auch gut investiert? Oder wird da mit der Angst der Eltern ein Geschäft aufgezogen? Wie eine Tagung der Stiftung "Risiko-Dialog" zum Thema Nabelschnur-Blutbanking in Basel kürzlich deutlich machte, muss diese kommerzielle Entwicklung kritisch hinterfragt werden auch wenn das Potenzial dieser Stammzellen tatsächlich enorm ist. Die Frage stellt sich aber, ob man die eigenen Zellen in der privaten Bank für spätere Eventualitäten hinterlegen sollte oder ob es nicht besser ist, die Zellen der Allgemeinheit in einer öffentlichen Bank zur Verfügung zu stellen.

Wolfgang Holzgreve, Leiter der Universitäts-Frauenklinik in Basel, und sein Team haben mehrere Jahre Erfahrung auf diesem Gebiet. Mit Unterstützung von privater Seite und des Nationalfonds haben sie im Rahmen der Stiftung Basler Nabelschnurprojekt die erste Bank der Schweiz aufgebaut. Unterdessen lagern in den Kühlschränken im Hämatologie-Labor des Kantonsspitals bei minus 197 Grad rund 400 Proben: Blut, das mit Einverständnis der Eltern nach der Geburt mit einer Spritze aus der Nabelschnurvene gezogen worden ist. Weitere 200 Proben lagern in Genf. Bis Ende Jahr rechne man mit 1000 Spenden. Sie sind in anonymisierter Form hinterlegt und stehen kranken Menschen weltweit zur Verfügung. Die Zellen werden für Transplantationen aufbewahrt. Da es sich um Stamm-, das heisst Vorläuferzellen des blutbildenden Systems handelt, können sie Blut-Krankheiten kurieren. Zum Beispiel Formen von Blutkrebs, genetische Krankheiten oder Erkrankungen des Immunsystems. Mit der Nabelschnur-Blutbank stehen die Stammzellen geeigneten Empfängern zur Verfügung, wobei "geeignet" bedeutet, dass bestimmte Erkennungsmoleküle auf der Zelloberfläche zwischen Spender und Empfänger übereinstimmen sollten.

 

Bereits 2500 Transplantationen

Bereits 1988 wurde erstmals ein Kind geheilt, das an der Fanconi-Anämie litt, einer vererbbaren Erkrankung des Knochenmarks. Die Nabelschnur-Blutspende kam vom Geschwisterchen, weshalb von einer gerichteten Spende gesprochen wird. Seit dieser erfolgreichen Behandlung sind weltweit um die 2500 Patienten behandelt worden, davon beruhen rund 500 auf gerichteten Spenden von Familienmitgliedern. Die überwiegende Zahl von 2000 Transplantationen erfolgte mit nicht gerichteten Spenden aus anonymisierten Banken. In diesen öffentlichen Nabelschnur-Blutbanken stehen weltweit gegenwärtig rund 120 000 Proben zur Verfügung. Aus der Basler Bank wurde bis jetzt noch keine Probe transplantiert.

 

Mischform privat öffentlich

Mit den Firmen, die das "private Banking" anbieten, wird der Nabelschnur-Blutmarkt neu aufgemischt. Die Firma Cryo-Cell argumentiert mit den vielfältigen Möglichkeiten der Zellen aus dem Nabelschnurblut, die nicht nur für Krebserkrankungen eingesetzt werden können, sondern künftig auch zur Reparatur des eigenen Gewebes. Mit Hinweis auf die raschen Entwicklungen in der Stammzell-Forschung wirbt die Firma mit dem Slogan "biologische Lebensversicherung" für die Hinterlegung der eigenen Nabelschnur-Blutzellen.

In einer Güterabwägung listete der Basler Bioethiker Christoph Rehmann-Sutter Argumente für und wider die privaten Nabelschnur-Blutbanken auf. Weil Privatbanken eine Zweiklassen-Medizin fördern könnten, mit der Angst der Eltern spielen würden und die Spenden der Allgemeinheit zu Verfügung stehen sollten, stellte er die These zur Diskussion, dass öffentliche Banken vorzuziehen seien. So eindeutig negativ sehen die Experten das "private Banking" allerdings nicht. Es sei falsch, öffentliche gegen private Banken auszuspielen, es gebe gute private Firmen und schlechte öffentliche und vice versa. Wichtiger sei die Qualitätskontrolle.

Für die Zukunft rechnen die Forscher mit einer Mischform zwischen öfffentlicher und privater Nabelschnur-Blutbank. So könnte dieselbe Bank sowohl für anonymisierte als auch für private Proben ausgebaut werden entsprechende Überlegungen macht man sich auch in Basel. Vom Gedanken der rein öffentlichen Bank ist man im Übrigen schon etwas abgewichen: Bereits lagern rund 20 gerichtete Proben, die Familienmitgliedern vorbehalten sind. Private Spenden für sich selbst sind in Basel momentan aber nicht möglich.

Inwieweit diese persönliche Rückversicherung sinnvoll ist, muss beim heutigen Stand sowieso offen bleiben. Denn die Chance, dass man auf die eigenen Zellen angewiesen ist, ist doch recht klein: Von den weltweit 120 000 privaten Eigenspenden wurden bisher gerade mal 68 genutzt. Auch wenn dieser Anteil steigen wird, vielleicht tun die Grosseltern doch gut daran, wie bisher nur ein Bankkonto zu eröffnen.

 

Artikel erschienen in der Basler Zeitung, am 7. Februar 2003.