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In die Nabelschnur investieren (Tages-Anzeiger) Drucken

 

Gotte und Götti können nun ein ausgefallenes Geschenk für die Zukunft machen: Sie bezahlen ein «Konto» bei einer privaten Nabelschnurblutbank. Doch wie sinnvoll ist dies?

 

Von Martina Frei

 

«Die richtige Entscheidung kann für die Gesundheit Ihres Kindes in der Zukunft lebenswichtig sein.» Mit dem Satz versucht die Firma Cryo-Cell, werdende Eltern zu überzeugen, ihr gleich nach der Geburt das Nabelschnurblut des Kindes anzuvertrauen. Seit kurzem können Eltern den Dienst der privaten Nabelschnurblutbank in der Schweiz in Anspruch nehmen und für rund 2000 Franken die - aus Sicht der Firma - «richtige Entscheidung» treffen. Dafür bereitet Cryo-Cell das Blut auf und lagert es zwanzig Jahre lang.
Doch wozu das Nabelschnurblut aufbewahren? «Es ist noch reich an Blut bildenden Stammzellen», sagte Daniel Surbeck, Frauenarzt am Basler Kantonsspital, letzte Woche an einer Tagung, welche die Stiftung Risiko-Dialog organisierte. Ungeborene bilden rote und weisse Blutkörperchen sowie Blutplättchen in der Leber. Nach der Geburt findet die Blutbildung hingegen im Knochenmark statt. «Weil die Blut bildenden Stammzellen von der Leber ins Knochenmark wandern müssen, befinden sich zum Zeitpunkt der Geburt besonders viele im Blut des Säuglings», erklärte Surbeck. Üblicherweise landet die Nabelschnur im Abfall. Dabei sind Ärzten, und auch Forschern, die Stammzellen darin überaus wertvoll.

 

Seit zwei Jahren am Basler Uni-Spital

Vorausgesetzt, ihre Oberflächenmerkmale stimmen mit dem Gewebe des Empfängers überein, können diese Stammzellen genau wie solche aus dem Knochenmark verpflanzt werden: beispielsweise in Patienten mit erblicher Blutarmut, angeborenen Stoffwechselkrankheiten oder Immundefekten. «Der Bedarf an Blut bildenden Stammzellen steigt weltweit», sagt Wolfgang Holzgreve, Vorsteher der Basler Universitäts-Frauenklinik.
Bereits seit zirka zwei Jahren bitten Geburtshelferinnen in Basel und Genf die Mütter um das Nabelschnurblut für die öffentliche Spenderbank. Es wird auf bestimmte Infektionen geprüft, beispielsweise Hepatitis und HIV, die Stammzellen werden herausfiltriert, untersucht und typisiert und schliesslich bei minus 197 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff gelagert. Gegenwärtig warten in der Schweiz 600 Nabelschnurblutbeutelchen darauf, irgendwann einmal irgendwo auf der Welt gebraucht zu werden. Denn das Praktische an den tiefgefrorenen Stammzellen ist: Sie bleiben offenbar jahre-bis jahrzehntelang funktionstüchtig. Von den weltweit über 120 000 öffentlich verfügbaren Spenden wurden bisher rund 2000 transplantiert.

Auch die Universitätsspitäler Zürich und Bern würden sich gern an der öffentlichen Nabelschnurblutbank beteiligen, die bisher durch Forschungsgelder des Nationalfonds und private Spenden finanziert wird. «Wir könnten innert kurzer Frist mit dem Aufbau einer Nabelschnurblutbank beginnen, aber bisher scheitert es an der Finanzierung», sagt Roland Zimmermann, Direktor der Zürcher Universitätsklinik für Geburtshilfe, bedauernd. Gemäss Schätzungen kostet es gut 700 000 Franken, eine Bank aufzubauen, bis zu acht Millionen Franken fallen an, um sie für rund 2000 Spenden zehn Jahre lang zu unterhalten. Das Basler Projekt kostete laut Holzgreve bislang etwa 900 000 Franken.
In regionalen Spitälern sind Nabelschnurblutspenden bisher nur in Ausnahmefällen möglich. Nun jedoch sind kommerzielle Firmen in der Schweiz auf den Plan getreten. Die deutsche Firma Vita 34 erarbeitet derzeit das Gesuch zuhanden des Bundesamts für Gesundheit, Cryo-Cell bietet den Service schweizweit seit Mitte September an. Wer sichs leisten kann, lässt die Stammzellen des Neugeborenen dort tieffrieren und hofft, dass sie nie benötigt werden. Die Entnahme des Bluts macht eine geschulte Hebamme vor Ort, den Transport zur Blutbank übernimmt die Firma. Auch Verwandte ersten Grades, deren Gewebstyp demjenigen des Kindes sehr ähnlich ist, kämen als Empfänger in Frage. Fremden hingegen stehen diese Zellen nicht zur Verfügung.

 

Bei manchen Erkrankungen sinnlos

Die Wahrscheinlichkeit, dass das eigene Kind irgendwann von der Eigenspende profitiert, ist heutzutage allerdings ziemlich gering: Von rund 20 000 solchen Eigenspenden wird eine einzige wirklich gebraucht, berichteten italienische Ärzte jüngst im Fachblatt «Lancet». Andere Schätzungen schwanken zwischen 1:1000 und 1:200 000, je nach Krankheit. «Bisher gibt es dazu kaum akkurate wissenschaftliche Daten», sagt Wolfgang Holzgreve. Bei einigen Erkrankungen, etwa bestimmten Formen von Blutkrebs, ist eine Eigenspende sinnlos: Der Kranke bekäme seine Zellen mit dem Gendefekt noch einmal.

Erfüllen sich aber die Hoffnungen der Forscher, die adulten Stammzellen irgendwann dazu zu bringen, sich in alle möglichen Zelltypen zu verwandeln, würde sich ein weites Feld eröffnen. Überall, wo der Körper defekte Zellen nicht mehr von selbst reparieren kann, könnten Stammzellen für Ersatz sorgen. Zuckerkrankheit und Parkinson wären dann heilbar, selbst narbiges Gewebe nach einem Herzinfarkt liesse sich womöglich ersetzen. Bis solche Therapien aber wirklich etabliert sind, werden wohl noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vergehen. «Ich halte es nicht für sinnvoll, diese Stammzellen mit der heutigen Technologie in privaten Banken einzufrieren. Bis sie einmal für eine Therapie gebraucht würden, geht man wahrscheinlich anders vor», argumentiert der Hämatologe Dominik Heim vom Basler Kantonsspital. Mit dem heutigen Wissen lohne sich das private Nabelschnurblutbanking darum seiner Meinung nach eigentlich nicht.

 

Ethiker ist skeptisch

Doch nicht nur die Frage nach dem Sinn der privaten Spende stellt sich, sondern auch jene nach der Ethik. Jeder Mensch in der Schweiz müsse dasselbe Recht auf Sicherheit und gleiche Chancen haben, auch bei der Stammzellspende, findet Heim. Das aber würde durch die privaten Blutbanken gefährdet. Auch der Ethiker Christoph Rehmann-Sutter steht den privaten Nabelschnurblutbanken skeptisch gegenüber. Seiner Meinung nach «bewirtschaften sie direkt die Ressourcen Angst und elterliche Fürsorgepflicht». Er befürchtet eine Zweiklassenmedizin, wenn nur reiche Eltern diese Vorsorge treffen können.

Der Zürcher Frauenarzt Roland Zimmermann sieht in den privaten Banken hingegen kein Problem, «der Markt wird sich einspielen». Lediglich für bestimmte Bevölkerungsgruppen könnten die privaten Banken zur Entsolidarisierung führen, befürchtet er. «Es ist oft schwierig, für Kinder aus Mischehen, beispielsweise einer Thailänderin und eines Schweizers, passende Spender zu finden. Wenn sich diese Familien die private Spende leisten können, wären sie damit nicht im Pool der öffentlich zugänglichen Spender. Gerade diese Spender aber werden dringend gesucht», sagt Zimmermann.

«Die Frage ist, ob die Eigen-Nabelschnurblutspende zur Grundversorgung gehören soll oder nicht», wendet Holzgreve ein. Das aber müsse die Gesellschaft entscheiden. «Ist es nur ein "nice-to-have, also ein zusätzliches Angebot, dann kann man die Kosten nicht der Solidargemeinschaft der Versicherten aufbürden.»

 

Artikel erschienen im Tages-Anzeiger, am 6. Februar 2003.