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"Food-Risiken sind ein starkes Thema" (St. Galler Tagblatt) Drucken
Donnerstag, den 23. Februar 2006 um 03:00 Uhr

 

Betty Zucker, die Leiterin der Stiftung Risiko-Dialog, über die individuelle Einschätzung von Risiken, die Macht der Gefühle und die beschränkte Wirkung von Informationen

St. Galler Tagblatt, 23. Februar 2006


Der Verkauf von Hühnerfleisch ist spürbar zurückgegangen, obwohl überall zu lesen ist, der Konsum sei unbedenklich. Wie erklären Sie sich diese Reaktion?


Betty Zucker: Es ist zu beobachten, dass die Glaubwürdigkeit von öffentlichen Verlautbarungen mittlerweile nicht unbedingt gegeben ist. Das Vertrauen fehlt bzw. ist verloren gegangen, und darüber hinaus spielt die klassische Kommunikationskette: Das, was gesagt wird, ist nicht dasselbe, was gelesen oder gehört wird. Und was gehört wird, wird nicht automatisch verstanden. Und selbst wenn es verstanden wird, heisst das noch lange nicht, dass man auch einverstanden ist.

Warum aber zieht kein Mensch Konsequenzen, wenn er von einem tödlichen Autounfall liest – nach Meldungen über die Vogelgrippe aber verzichtet er sofort auf Pouletfleisch?


Zucker: Grundsätzlich kann man sagen, dass Foodrisiken ein starkes Gesundheitsthema sind, und immer mehr Menschen sind besorgt um ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Beim Essen kann man das Gefühl haben, dass man das Risiko im Sinne der eigenen Vorsorge beeinflussen kann. Es ist dasselbe Muster wie damals beim Rindfleischskandal.

Das Gefühl wird stärker gewichtet als die Fakten?

Zucker: In unserer scheinbar so aufgeklärten Gesellschaft glauben viele Menschen, dass vor allem mehr Information die Einschätzung eines Risikos wirksam steuern kann. Die Folge ist, dass immer mehr Informationen zur Verfügung gestellt werden. Aber die Einschätzung eines Risikos ist auch abhängig von Gefühlen, von emotionalen Befindlichkeiten und Bedürfnissen, von Ängsten, Sorgen, Hoffnungen, Sehnsüchten. All das spielt eine Rolle. Übrigens ist dafür das Autofahren ein wunderbares Beispiel. Die für manche Menschen erhebenden Gefühle bei Tempo 200 im roten Porsche auf der Autobahn sind legendär.

Der Mensch ist also doch mehr ein Gefühlswesen, als er manchmal glaubt?

Zucker: Er ist sowohl ein Gefühlswesen als auch ein Instinkt- und Rationalitäts- bzw. Verstandeswesen. Aus Erfahrung wissen wir, dass die reine sachliche Information als taugliches Mittel der Risikoeinschätzung ihre Grenzen hat. Viele öffentliche Risikodebatten, sei es etwa die Gentech-Diskussion oder beim so genannten «Elektrosmog», haben dies gezeigt. Die Informationen werden eher für die Stärkung der jeweils eigenen Position selektiv genutzt. Für eine Haltungsänderung braucht es mehr als das.

Interview: Beda Hanimann

Artikel erschienen in "St. Galler Tagblatt" am 23. Februar 2006