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Tages Anzeiger, 14. Juni 2008
Umweltschützern geht es in der Klimapolitik zu langsam. Doch bei genauer Betrachtung sind die Fortschritte beachtlich.
Von Betty Zucker und Andreas Fischlin.
Der Klimawandel gilt als Kassandra-Risiko: Das Ereignis ist vorhersehbar, doch die grossen Schäden treten erst nach langer Zeit auf. So gehen Wissenschaftler davon aus, dass die Folgen der Erderwärmung erst in Jahrzehnten in ganzem Ausmass spürbar sind. In den letzten hundert Jahren ist es in der Schweiz durchschnittlich um 1,5 Grad Celsius wärmer geworden, weltweit um 0,7 Grad. Im 22. Jahrhundert könnte die Schweiz bei völlig ungebremstem Klimawandel sogar ein Klima wie dasjenige des heutigen Siziliens haben. Auch bei einem etwas geringeren Klimawandel könnten Hitzesommer wie im Jahr 2003 am Ende dieses Jahrhunderts zum Normalfall werden.
Diese lange Verzögerung zwischen Ursache und Wirkung steht den herrschenden wirtschaftlichen und politischen Systemen gegenüber: Denn deren Konzepte gehen nicht über die Nasenspitze hinaus, Erfolge orientieren sich an einem kurzfristigen Zeitplan. Diese Konstellation ist sehr anspruchsvoll für die Entscheidungsträger: Die heutige Generation bestimmt das Klima der nächsten. Der jetzt beobachtete Klimawandel ist die Konsequenz politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen der letzten Generation.
Hinzu kommt, dass die Wissenschaft heute keine exakten Aussagen darüber machen kann, wie sich Interventionen im weltweiten Klimaschutz im Einzelnen auswirken werden. Dazu ist das Gesamtsystem Klima zu komplex.
Vor diesem Hintergrund ist es eine grosse Leistung, was die internationale Staatengemeinschaft bisher erreicht hat. Trotz politischen und wirtschaftlichen Interessenkonflikten und den Unsicherheiten der Forschung über die künftige Klimaentwicklung wurden relativ rasch gemeinsame Massnahmen beschlossen.
Die Klimadiskussion wird erst seit Mitte der 1980er-Jahre geführt. 1982 erschien die erste wissenschaftliche Arbeit über die vom Menschen verursachte Erwärmung des Klimas. 1992 folgte in Rio de Janeiro die Uno-Klimarahmenkonvention, 1997 das Kyoto-Protokoll, das 2005 in Kraft trat und bis 2012 rechtsgültig ist. 192 Länder haben bis heute die Klimarahmenkonvention, 177 das Kyoto-Protokoll ratifiziert – darunter alle Industrienationen ausser den USA.
Im letzten Jahr wurde in Bali festgehalten, wie die Verhandlungen für die Zeit nach 2012 gestaltet werden sollen: Für 2009 ist vorgesehen, in Kopenhagen ein neues Abkommen zu verabschieden, das 2012 in Kraft treten soll. Im Vergleich zur Debatte um das Kyoto-Protokoll, die acht Jahre gedauert hat, wird das neue Abkommen innerhalb von nur drei Jahren verhandelt. Die Verhandlungszeit scheint sich deutlich zu verkürzen.
Persönliche Animositäten
Das ist nicht selbstverständlich. So wichtig die Teilnahme aller Länder der Erde an den Klimaverhandlungen ist, so viele unterschiedliche kulturelle, politische und wirtschaftliche Faktoren spielen eine Rolle. Nicht zu vergessen sind die persönlichen, allzu menschlichen Sympathien und Antipathien, Rivalitäten und Eitelkeiten sowie der Druck der Medien.
Die EU mit ihren 27 Staaten hat einen ähnlichen kulturellen Hintergrund. Doch bereits zwischen den USA und der EU zeichnen sich unterschiedliche Positionen ab. Zum Beispiel bei der Interpretation des Vorsorgeprinzips. Für die Amerikaner braucht es dazu breit abgestützte, wissenschaftliche Belege. In Europa reichen oft weniger stringente Beweislagen für Massnahmen. Europäer sehen Risiken eher als Gefahren, die Angelsachsen eher als Chancen. Amerikaner suchen Lösungen eher im technischen Fortschritt, Europäer vorab in Verhaltensänderungen, die zu Effizienzsteigerung und Reduktion des Energieverbrauchs führen.
Der Klimaschutz bedarf aber globaler Lösungen. Interkulturelle Kommunikationskompetenz ist da gefragt, um trotz Unterschieden zum Beispiel zwischen westlichem und asiatischem Denken miteinander einen gemeinsamen Lösungsweg zu finden. So wird etwa die Gerechtigkeit bei der Verteilung von Verpflichtungen unterschiedlich beurteilt. Die Entwicklungsländer pochen auf das Recht, sich gesellschaftlich und wirtschaftlich zu entwickeln und beanspruchen wie die Industrieländer das Recht, die Atmosphäre ebenfalls belasten zu dürfen. Sie versuchen vorläufig, Reduktionsvorgaben für Treibhausgase möglichst weit von sich zu weisen.
Manche Industriestaaten befürchten, dass Verpflichtungen die Wirtschaftskraft schmälern könnten und stufen die historische Verantwortung der reichen Länder für den Klimawandel als sekundär ein. Sie betonen auch, dass sie allein das Klima nicht retten können. Die kulturellen Differenzen an den Verhandlungen sorgen zuweilen für zeitraubende Missverständnisse, blockierende Spannungen und emotionale Ausbrüche – aber auch für kreative Lösungen, in und zwischen den Sitzungen.
Sitzungen mit Unterhaltungswert
An der letzten Klimakonferenz in Bali zum Beispiel brachte die Intervention des Delegierten des Kleinstaates Papua-Neuguinea eine Wende: Er forderte die USA auf, sich aus den Verhandlungen rauszuhalten, wenn sie nicht willens sei, voran zu gehen. «... if you are not willing to lead, leave it to the rest of us, please get out of the way.» Diese Intervention bewirkte starke emotionale Reaktionen und hatte hohen Unterhaltungswert. Die US-Vertreterin, Paula Dobriansky, lenkte dann ein – und die Konferenz konnte nach zermürbenden Verhandlungstagen mit einem Fahrplan für die zwei Jahre bis zur Kopenhagener Konferenz erfolgreich abgeschlossen werden.
Nehmen wir den gesellschaftlichen Wandel als Massstab, so hat die internationale Staatengemeinschaft schon viel erreicht. Aber die neusten Prognosen des Uno-Weltklimarates IPCC machen deutlich, dass die Anstrengungen im Klimaschutz erheblich verstärkt werden müssen. Dabei sind die Diskussionen um die Reduktion der Treibhausgase, um die Vorkehrungen gegen die Folgen des Klimawandels und um die Finanzierung des Klimaschutzes entscheidend.
Unterschätzen darf man aber die Tücken der Kommunikation nicht: Der Klimawandel muss in den Medien kontinuierlich ein Thema bleiben. Der Friedensnobelpreis an den IPCC und Al Gore haben im vergangenen Jahr den Klimawandel in einzigartiger Weise zu einem Spitzenthema gemacht. Das unvermeidliche Abflachen des Interesses zeichnet sich aber schon ab. Zudem müssen die Risiken und Chancen der Politik und Wirtschaft und der sich überdeutlich anbahnende Fortschritt, zum Beispiel bei den alternativen Technologien, besser vermittelt werden.
Laut Uno-Klimabericht ist das Potenzial da, technisch und ökonomisch in Riesenschritten im Klimaschutz vorwärts zu gehen. Die Natur gibt das Tempo vor. Um Schritt zu halten, muss die gesellschaftliche Antwort entsprechend rasch erfolgen.
Betty Zucker ist Expertin für Management, Kommunikations- und Verhandlungsprozesse. Sie leitet unter anderem die Stiftung Risiko-Dialog St. Gallen. Andreas Fischlin ist Leiter der Gruppe Systemökologie an der ETH Zürich. Er ist Koautor der Klimaberichte des Uno-Wissenschaftsrates für den Klimawandel (IPCC).
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