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Bioworld, 02/2004
Die Stammzellen- und Embryonenforschung steckt in der Krise. In der Vertrauenskrise. Seit den Klonmeldungen von Raëlsekte, Antinori und Co. fürchten Wissenschafter um das Image ihrer Zunft. Misstrauen herrscht. Man fragt sich: Wie viele Menschenkloner gibt es? Hat sich Menschenklonen jetzt zu einer wissenschaftlichen Disziplin gemausert? Kurz: Kann man der Wissenschaft noch vertrauen? Blind sicher nicht! Angesagt sind: Eine kritische Beobachtung, griffige Gesetze und Risiko-Kommunikation zwischen allen Beteiligten. Von Christoph Meili Dolly, Copy-Cat, Eve & Co Die Geburt von Dolly im Jahr 1996 war ein Medienspektakel. Begeisterung machte sich bei den Forschern breit. Endlich war es gelungen, ein Säugetier genetisch zu kopieren. Ein wichtiger wissenschaftlicher Durchbruch für die einen. Ein Akt menschlicher Überheblichkeit und moralisch verwerflich für die anderen. Seit Dolly sind viele weitere Tierarten geklont worden. Unter anderem Mäuse, Schweine, Kaninchen, Rinder und Hauskatzen (mit Namen "CC" für Copy-Cat). Der Medienrummel war freilich nicht mehr der gleiche. Jetzt hat sich das wieder geändert. Die ersten Klonmenschen sollen unter uns sein. Gleichgültig, ob die Geschichte wahr ist oder nicht, die Wissenschaft beklagt in der Folge solcher Sensationsmeldungen einen erheblichen Vertrauensverlust. Seriöse Wissenschafter befürchten einen Schaden für ihre Forschungsarbeit. Der Schaden könnte - neben Image und Reputation der Forscher - angesichts anstehender Gesetzesdebatten auch Forschungs- und Arbeitsplätze betreffen. Misstrauen gegenüber der Forschung Die Wissenschafter sind sich nicht einig. Für die einen ist die Herstellung eines menschlichen Klons bereits heute möglich. Die Skeptiker halten dies für wissenschaftlichen Unfug. Eine reine PR-Übung. Dem Laien bleibt angesichts unterschiedlicher Expertenmeinungen nur Verunsicherung und Ratlosigkeit. Fest steht: Die Wissenschaft ist in eine Vertrauenskrise geraten. Die Parallelen bei Vertrauenskrisen in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft sind augenfällig. Immer war es das "Zuviel" an Vertrauen, welches den Vertrauensverlust herbeigeführt hat. Blindes Vertrauen in das gute Gelingen lässt Zweifel und Kontrollen vergessen. Vertrauen beruhigt. Vertrauen macht schläfrig. Bis zum bösen Erwachen! Eine kritische Haltung und ein gesundes Misstrauen schützen vor bösen Überraschungen und vor dem vertrauensvollen Abgleiten in die nächste Vertrauenskrise. Wissenschaft unter Verdacht Vertrauen ist zu einem wettbewerbsrelevanten Faktor geworden. Das gilt für Wirtschaft, Politik und Wissenschaft gleichermassen. Spätestens seit Swissair, Enron und Rentenanstalt wissen wir: Vertrauen aufzubauen, dauert Jahre. Vertrauen zu zerstören hingegen nur ein paar Augenblicke. Einige abzockende Top-Manager haben ausgereicht, das Image eines ganzen Berufsstandes in Misskredit zu bringen. Ähnliches droht nun der Wissenschaft. Forscher, die unter dem Deckmantel von Erkenntnisgewinn und Wissenschaftlichkeit ethisch bedenkliche Experimente durchführen und dabei bewusst ethische Grenzen überschreiten, sind zur Gefahr für eine ganze Berufsgattung geworden. Angesichts einiger schwarzer Schafe droht der Vertrauensverlust für alle. Aber nicht nur lusche Forscherfiguren, sondern auch neue Möglichkeiten und Entwicklungen der Forschung nähren die Skepsis. Neue Grenzen: Die MauSch und der MenS Bereits bei den Griechen waren sie bekannt: Chimären. Ungeheuer mit Löwenkopf, Ziegenkörper und Schlangenschwanz. Heute werden solche Lebewesen im Labor hergestellt. Zum Teil wenigstens. Zellen eines Tieres werden in einen Embryo einer anderen Art einspritzt und daraus entsteht dann ein Mischwesen. Zum Beispiel die "Schiege". Eine Mischung aus Schaf und Ziege. Zukünftige Forschung beschränkt sich allerdings nicht mehr nur auf das Tierreich. Im vergangenen Herbst wurde an einer Tagung in den USA ein Forschungsprojekt vorgestellt, bei dem menschliche embryonale Stammzellen aus abgetriebenen Föten in Mausembryonen verpflanzt werden sollten. Das Ziel dieses Experiments: eine Maus mit menschlichem Gewebe. Man wollte untersuchen, wie sich menschliche Zellen wie Gehirn- oder Geschlechtszellen in Mäusen entwickeln. In Analogie zur "Schiege" wäre das eine "MauSch" oder eben ein "MenS". Je nach dem, welche Spezies überwiegt. Das Projekt wurde von Laien und Experten gleichermassen kritisch beurteilt und vorderhand auf Eis gelegt. Bereits ist es aber israelischen Forschern gelungen, in Mäusen funktionierende "Mini-Nieren" zu züchten die sich aus menschlichen embryonalen Stammzellen entwickelt haben. Der Trend ist absehbar: Es wird in Zukunft vermehrt darum gehen, menschliche Ersatzgewebe und Organe zu züchten. Vorerst im Tiermodell, später vielleicht im Reagenzglas. Obwohl Mensch-Maus-Chimären heute noch Science-Fiction sind, können die Probleme bereits vorausgesehen werden: Wo liegt die quantitative Grenze bei der Vermischung von Arten. Oder anders gefragt: Wieviel Prozent Mensch darf ein Tier sein, damit es noch ein Tier ist? Unheimliche Fragen angesichts derer sich Staat, Bürger und Wissenschafter rasch auf geeignete Strategien besinnen müssen. Strategie 1: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser Rechtlich besteht kein Zweifel. Das Klonen von Menschen ist in der Schweiz bereits heute per Verfassung verboten. Der Vorschlag des Bundesrates zum Stammzellenforschungsgesetz sieht zudem ein Verbot des therapeutischen Klonens vor. Erlaubt sein soll lediglich die Forschung an embryonalen Stammzellen, wenn diese aus überzähligen Embryonen gewonnen werden. Diese Embryonen stammen aus künstlichen Befruchtungen und müssten laut Gesetz Ende des Jahres 2003 vernichtet werden. Auch auf intenationaler Ebene ist man bestrebt, das Klonen von Menschen zu verbieten. So ist an einer internationalen Konferenz im Mai ein generelles Klonverbot traktandiert. Die Chancen für ein solches Verbot stehen gut. Strategie 2: Reifes Misstrauen und kritisches Vertrauen als Bürgerpflicht! Es tönt paradox, aber Wissenschafter brauchen ein kritisches Publikum. Gesunde Skepsis und Zweifel halten die Oeffentlichkeit achtsam und wach. Sie verfolgt die Forschungsaktivitäten aufmerksam und aus der Nähe. So können Missbräuche frühzeitig erkannt und unliebsame Entwicklungen verhindert werden. Im Interesse einer gesellschaftsfähigen Forschung sind Wissenschafter somit gleichermassen auf Kritik und Vertrauen angewiesen. Denn nur beide zusammen bilden das tragfähige Fundament eines konstruktiven Zusammenspiels zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Strategie 3: Im Dialog Transparenz und Glaubwürdigkeit schaffen Staatliche "Ethik-Persilscheine" für Wissenschafter sind weder erstrebenswert noch realistisch. Vielmehr stehen Wissenschafter in der Pflicht, das "Ethik-Management" ihrer Forschungsarbeit selbst in die Hand nehmen. Es geht darum, glaubwürdig und transparent über Ziele, Hintergründe und Motive der Forschung zu sprechen. Keine einfache Aufgabe. Angesichts der komplexen Materie geraten Berichte über neueste Forschungsergebnisse in den Köpfen von Bürgerinnen und Bürgern leicht zu Frankenstein-Stories. Offen und ehrlich! Um einem kritischen Publikum gerecht zu werden, müssen Wissenschafter in Zukunft mehr als nur "kompetent Fachsimpeln" und mit Reagenzglas und Computer umgehen können. Sie müssen persönlich Stellung beziehen, Absichten und Erwartungen verbindlich offenlegen und komplexe Sachverhalte allgemein verständlich und nachvollziehbar machen können. Das heisst: Nicht mit Power Point Folien und unterhaltenden Videoclips informieren, sondern über Risiken kommunizieren. Im Hin und Her zwischen Fragen und Antworten, zwischen naturwissenschaftlichen und anderen Sichtweisen, zwischen wirtschaftlichen, politischen und anderen Interessen, kurz: im gemeinsamen Ringen um mögliche Lösungen. Offen und ehrlich - auch was die momentan unbeantwortbaren Fragen betrifft. Dies ist das Fundament eines produktiven und zukunftsgerichteten Umgangs mit dem wissenschaftlichen Fortschritt. |