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Leben in der Klon-Gesellschaft

St.Galler Tagblatt, am 6. Februar 2003

Plädoyer für ein kritisches Vertrauen gegenüber der Wissenschaft

 

Von Christoph Meili

 

Die Stammzellen- und Embryonenforschung steckt in der Krise. In der Vertrauenskrise. Seit den Ankündigungen der Raëlsekte oder des italienischen Arztes Antinori, sie hätten einen Menschen geklont oder wollten dies tun, fürchten Wissenschafter um das Image ihrer Zunft. Misstrauen herrscht. Man fragt sich: Ist Menschenklonen jetzt zu einer wissenschaftlichen Disziplin geworden? Wer übernimmt die Verantwortung, wenn etwas schief läuft? Kann man der Wissenschaft noch vertrauen? Blind sicher nicht! Angesagt sind: Eine kritische Beobachtung, griffige Gesetze und Risiko-Kommunikation mit den Wissenschaftern.

 

Dolly, Copy-Cat, Eve & Co.

Die Geburt von Dolly im Jahr 1996 begeisterte viele Forscher. Endlich war es gelungen, ein Säugetier genetisch zu kopieren. Ein wichtiger wissenschaftlicher Durchbruch für die einen. Ein Akt menschlicher Überheblichkeit und moralisch verwerflich für die anderen. Seit Dolly sind weitere Tierarten geklont worden. Mäuse, Schweine, Kaninchen, Rinder und Hauskatzen (mit Namen «CC» für Copy-Cat). Jetzt wird sogar behauptet, es seien Menschen geklont worden. Damit scheint eine unheimliche Wegmarke erreicht oder gar überschritten - egal, ob die Geschichte wahr ist oder nicht. Die Wissenschaft beklagt in der Folge solcher Sensationsmeldungen einen erheblichen Vertrauensverlust. Seriöse Wissenschafter befürchten einen Schaden für ihre Forschungsarbeit. Neben Image und Reputation könnten die Forscher angesichts anstehender Gesetzesdebatten auch Forschungs- und Arbeitsplätze verlieren.

 

Misstrauen gegenüber der Forschung

Die Wissenschafter sind sich nicht einig. Für die einen ist die Herstellung eines menschlichen Klons bereits heute möglich. Die Skeptiker halten dies dagegen für wissenschaftlichen Unfug. Eine reine PR-Übung. Ian Wilmut, der Schöpfer des Klonschafs Dolly, sagte, es sei unverantwortlich, die Klontechnik beim Menschen einzusetzen, solange noch nicht klar sei, welche gesundheitlichen Folgen ein solches Experiment hätte. Wilmut weiss, wovon er spricht. Sein Experiment glückte erst nach unzähligen, erfolglosen Versuchen. Die Technik ist bei weitem noch nicht ausgereift: Fehlgeburten, Missbildungen und Krankheiten sind häufige Nebenerscheinungen und wären auch bei einem Klonexperiment mit Menschen zu befürchten. Im Gegensatz dazu gab Robert Edwards, der geistige Vater des ersten Retortenbabys, in einem Interview bekannt, er halte die Herstellung eines geklonten Kindes durchaus für möglich. Er empfinde dies nicht als Tabubruch, solange das Kind gesund sei. Dem Laien bleibt angesichts unterschiedlicher Expertenmeinungen nur Verunsicherung und Ratlosigkeit. Er muss sich nolens volens ein eigenes Urteil bilden. Sicher ist: Die Naturwissenschaft ist in eine Vertrauenskrise geraten. Vertrauen und Misstrauen verhalten sich aber nicht wie «entweder - oder» zueinander. Vielmehr ist es ein Gleichgewichtszustand zwischen Sicherheit und Befürchtung. Zwischen den beiden Polen liegt das kritische Vertrauen oder das «reife» Misstrauen: Ein Zustand erhöhter Aufmerksamkeit. Nach einer Vertrauenskrise muss nicht schleunigst das Vertrauen wieder hergestellt werden, sondern im Gegenteil eine kritische und umso differenziertere Auseinandersetzung gepflegt werden. Denn nur diese schützt vor dem vertrauensvollen Abgleiten in die nächste Vertrauenskrise.

 

Wissenschaft unter Verdacht

Forscher, die unter dem Deckmantel von Erkenntnisgewinn und Wissenschaftlichkeit ethisch bedenkliche Experimente durchführten und dabei bewusst ethische Grenzen überschreiten, sind zu einer Gefahr für eine ganze Berufsgattung geworden. Ob es sich um 3, 30 oder 300 schwarze Schafe handelt, spielt keine Rolle. Das Vertrauen wird allen entzogen. Die Wissenschaft gerät unter Generalverdacht. Aber nicht nur lusche Forscherfiguren, sondern auch die neuen Möglichkeiten und Entwicklungen der Forschung nähren die Skepsis.

 

Die «MauSch» und der «MenS»

Bereits bei den Griechen waren Chimären bekannt: Ungeheuer mit Löwenkopf, Ziegenkörper und Schlangenschwanz. Heute werden solche Lebewesen im Labor hergestellt. Zum Teil zumindest. Zellen eines Tieres werden in einen Embryo einer anderen Art eingespritzt und daraus entsteht dann ein Mischwesen. Zum Beispiel die «Schiege» - eine Mischung aus Schaf und Ziege. Zukünftige Forschung beschränkt sich allerdings nicht mehr nur auf das Tierreich. Im vergangenen Herbst wurde an einer Tagung in den USA ein Forschungsprojekt vorgestellt, bei dem menschliche embryonale Stammzellen aus abgetriebenen Föten in Maus-Embryonen verpflanzt werden sollten. Das Ziel dieses Experiments: eine Maus mit menschlichen Geweben. Man wollte untersuchen, wie sich menschliche Zellen wie Gehirn- oder Geschlechtszellen in Mäusen entwickeln. In Analogie zur «Schiege» wäre das eine «MauSch» oder eben ein «MenS». Je nach dem, welche Spezies überwiegt. Das Projekt wurde von Laien und Experten gleichermassen kritisch beurteilt und vorderhand auf Eis gelegt. Bereits ist es aber israelischen Forschern gelungen, in Mäusen funktionierende «Mini-Nieren» zu züchten die sich aus menschlichen embryonalen Stammzellen entwickelt haben. Das Verfahren ist zwar im Moment noch in der Entwicklung und weit entfernt von der klinischen Anwendung. Dennoch ist der Trend absehbar: Es wird in Zukunft vermehrt darum gehen, menschliche Ersatzgewebe und Organe zu züchten. Vorerst in Tieren, später vielleicht im Reagenzglas.

 

Vertrauen ist gut . . .

Obwohl heute Mensch-Maus-Chimären noch Sciencefiction sind, können die Probleme bereits vorausgesehen werden: Wo liegt die quantitative Grenze bei der Vermischung von Arten. Oder anders gefragt: Wie viel Prozent Mensch darf ein Tier sein, damit es noch ein Tier ist? Unheimliche Fragen angesichts derer man sich rasch auf geeignete Strategien besinnen muss. Sowohl der Staat als auch Wissenschafter und Bürger sind gefordert. Strategie 1 lautet: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Rechtlich besteht kein Zweifel: Das Klonen von Menschen ist in der Schweiz verboten. Und daran wird sich auch in absehbarer Zukunft nichts ändern. Im Gegenteil: Verschiedene Politikerinnen und Politiker wollen dem Klonen von Menschen auf europäischer Ebene einen Riegel schieben. Eine Gesetzesvorlage der französischen Regierung will beispielsweise das Klonen von Menschen unter Haftstrafe stellen: 20 Jahre soll das maximale Strafmass betragen. Edelgard Bulmahn, die deutsche Bundesministerin für Bildung und Forschung, möchte noch im Jahr 2003 eine internationale Ächtung und ein totales Verbot des Klonens von Menschen erreichen. An einer Konferenz im Mai soll das internationale Klonverbot diskutiert werden. In der Schweiz sieht der Vorschlag des Bundesrates zum Embryonenforschungsgesetz ein Verbot des therapeutischen Klonens vor. Erlaubt sein soll lediglich die Forschung an embryonalen Stammzellen, wenn sie aus überzähligen Embryonen gewonnen werden. Diese Embryonen stammen aus künstlichen Befruchtungen und müssten laut Gesetz Ende des Jahres 2003 gleichwohl vernichtet werden. Die vorberatende Kommission des Ständerates hat beschlossen, dass sich das Gesetz auf die Gewinnung von und die Forschung an embryonalen Stammzellen beschränken soll. Die Forschung an Embryonen soll dann in einem anderen Gesetz geregelt werden. Die Meinungen über den Gesetzesvorschlag sind geteilt. Die Gegner befürchten, dass mit der Forschung an Embryonen und Stammzellen die letzten ethischen Dämme brechen und menschliches Leben instrumentalisiert wird. Bei den Befürwortern ist man sich uneinig. Für die einen bietet der Vorschlag genügend Spielraum. Für die anderen sollte das therapeutische Klonen nicht a priori verboten werden.

 

Transparenz und Glaubwürdigkeit

Strategie 2 lautet: Im Dialog Transparenz und Glaubwürdigkeit schaffen. Es wird ihn nie geben: den hoheitlich geprüften, ISO-zertifizierten Ethik-Naturwissenschafter, der nach festgelegten und abgesegneten Ethik-Richtlinien forscht und Ergebnisse mit dem Prädikat «ethisch unbedenklich» veröffentlicht. Wissenschafter sind vielmehr aufgerufen, das «Ethik-Management» ihrer Forschungsarbeit selbst in die Hand nehmen. Transparenz und Glaubwürdigkeit sind die Eckpfeiler. Eine zentrale Rolle spielt die Kommunikation. In erster Linie mit Bürgerinnen und Bürgern, aber auch mit der Politik. Hier gilt es, Forschungen, Hintergründe und Motive zu erklären. Angesichts der oft komplizierten Materie ist dies eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Wissens-kluft zwischen Experten und Laien ist gross. Dort, wo Wissen über die Zusammenhänge fehlt, gedeihen Spekulationen, Unsicherheit und Angst. Für die Wissenschafter heisst das Schlüsselwort also nicht primär Information, sondern Kommunikation. Wobei Emotionen, Ängste und Erwartungen des Publikums eine zentrale Rolle spielen und miteinbezogen werden müssen.

 

Misstrauen und kritisches Vertrauen

Strategie 3 lautet: Reifes Misstrauen und kritisches Vertrauen als Bürger pflicht! Wissenschafter brauchen ein kritisches Publikum. Gesunde Skepsis und Zweifel halten die Öffentlichkeit achtsam und wachsam. Sie verfolgt die Aktivitäten aufmerksam und aus der Nähe und schlägt Alarm falls dies als nötig empfunden wird. So können Missbräuche frühzeitig erkannt und unliebsame Überraschungen verhindert werden. Im Interesse einer gesellschaftsfähigen Forschung in einem dynamischen Forschungsumfeld sind Wissenschafter somit gleichermassen auf Kritik und Vertrauen angewiesen. Denn nur vor diesem Hintergrund kann eine differenzierte Analyse von Forschungsprojekten und ihren Zielsetzungen erfolgen.

 

Offen und ehrlich!

Um einem kritischen Publikum gerecht zu werden, müssen Wissenschafter in Zukunft mehr als nur «kompetent Fachsimpeln» und mit Reagenzglas und Computer umgehen können. Sie müssen persönlich Stellung beziehen, Absichten und Erwartungen verbindlich offen legen und komplexe Sachverhalte allgemein verständlich und nachvollziehbar machen können. Das heisst: Nicht nur informieren, sondern über Risiken kommunizieren. Es geht darum, offen und ehrlich zu informieren im Hin und Her zwischen Fragen und Antworten, zwischen naturwissenschaftlichen und anderen Sichtweisen, zwischen wirtschaftlichen, politischen und anderen Interessen - im gemeinsamen Ringen um mögliche Lösungen. Dies ist das Fundament eines produktiven und zukunftsgerichteten Umgangs mit dem wissenschaftlichen Fortschritt.