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Zellhaufen oder Embryo?

St. Galler Tagblatt, 2. Juli 2002

Die Stammzelldebatte - Risiken werden unterschiedlich bewertet

 

Von Christoph Meili

 

Gibt es in Sachen Stammzellforschung bereits einen Konsens, oder kommt die kontroverse Diskussion erst in Gang? Eines ist klar: Die Positionen der Akteure sind gegensätzlich. Und: Die Argumente von Befürwortern und Gegnern liegen nicht auf der gleichen Ebene. Die Risiken werden unterschiedlich bewertet.

Der Gesetzesentwurf zur Embryonenforschung ist in der Vernehmlassung: Der Bundesrat will die Forschung an überzähligen embryonalen Stammzellen unter gewissen Voraussetzungen zulassen. Die Nationale Ethikkommission (NEK) im Bereich Humanmedizin stimmt dem im Grundtenor zu. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Diskussionen kontrovers geführt wurden. Eine Minderheit der Ethik-Experten trat sogar für ein generelles Verbot der Embryonenforschung ein.

 

Eine Frage des Standpunktes

Die Position des Betrachters bestimmt seine Perspektive. Dies gilt auch in der Stammzelldebatte. Der Basler Mediziner Alois Gratwohl betrachtet die Sache nüchtern. Für ihn handelt es sich bei embryonalen Stammzellen um «wertvolles Zellmaterial und Rohstoff, mit dem man sorgfältig umgehen muss». Um bessere therapeutische Möglichkeiten zu erhalten, plädiert Gratwohl in Abweichung zum Gesetzesentwurf für das therapeutische Klonen von Embryonen. Seiner Ansicht nach sollte auch das reproduktive Klonen nicht a priori verboten werden. Er will alle Optionen offen halten. Im Gegensatz dazu sehen viele Ethiker in embryonalen Stammzellen bereits eine Form menschlichen Lebens bzw. einen Embryo. So befürchtet Ruth Baumann-Hölzle, dass mit der Stammzellforschung langfristig der Respekt vor dem menschlichen Leben verloren gehe und gleichzeitig die Hemmschwelle und die Scheu vor der Instrumentalisierung menschlichen Lebens sinke.

 

Risiken noch nicht abschätzbar

An Stammzellen werden grosse medizinische Hoffnungen geknüpft. Alzheimer, Parkinson, Multiple Sklerose, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollen geheilt werden. Im Jahr 2008 wird mit den ersten Medikamenten gerechnet. Noch liegen Therapien allerdings in weiter Ferne. Erst 1998 gelang es Forschern, Stammzellen aus menschlichen Embryonen zu isolieren und in verschiedene Gewebetypen differenzieren zu lassen. Obwohl man schon lange weiss, dass Stammzellen unterschiedliche Zelltypen bilden können und obwohl man bereits seit rund 30 Jahren Stammzellen des Knochenmarks bei Blutkrebs transplantiert, ist noch sehr wenig über die Steuerung der Zelldifferenzierung bekannt. Das grosse Entwicklungspotenzial embryonaler Stammzellen schliesst allerdings auch die Möglichkeit eines ungehinderten, entarteten Wachstums und der Tumorbildung ein. Diese Zellen wären für den therapeutischen Einsatz unbrauchbar. Offen ist auch der Ausgang der Diskussion um das Potenzial von adulten Stammzellen. Diese Art der Zellen wird z.B. aus Nabelschnurblut von Neugeborenen gewonnen. Bisher war man davon ausgegangen, dass diese ethisch weniger problematischen Zellen auch ein weit geringeres Differenzierungspotenzial und weniger medizinische Möglichkeiten haben. In neuesten Forschungen an Ratten konnten aber adulte Stammzellen isoliert werden, die praktisch alle spezialisierten Körperzellen bilden können. Kritiker der Forschung an embryonalen Stammzellen fordern deshalb eine verstärkte Erforschung adulter Stammzellen.

 

Wirtschaft: Top oder Flop?

Das Geschäft mit den Stammzellen wird richtig boomen. Zumindest glauben dies einige Analysten. Die wenigen, bereits heute vorliegenden Studien zum Marktpotenzial von Stammzellen prognostizieren ein explosionsartiges Wachstum. Eine aktuelle Einschätzung deutscher Analysten geht von einem Marktvolumen von Therapeutika aus, die auf Stammzellen beruhen, das 2010 zwischen 5 und 10 Milliarden US-Dollar erreicht. Der im April veröffentlichte Zwischenbericht des Zentrums für Technologiefolgenabschätzung relativiert solche Zahlen: Über das zukünftige Marktpotenzial von Stammzellen-Therapeutika könne heute noch keine wissenschaftlich fundierte Aussage gemacht werden. Die Forschung befinde sich noch im grundlegenden Stadium und deshalb sei der therapeutische Nutzen von Stammzellen (adult und embryonal) nicht absehbar. Darüber hinaus sei auch die Patentierbarkeit und damit die wissenschaftliche Nutzung von patentierten Zell-Linien ungeklärt.

 

Risiko für den Forschungsplatz?

Wie sich eine liberale Gesetzgebung auf die Forschung auswirkt, zeigt das Beispiel Israel. Während sich die Forscher in Europa mit Ethikkommissionen herumschlagen müssen, sind dort Experimente mit embryonalen Stammzellen unumstritten. Dies brachte Israel in der Stammzellenforschung in eine Spitzenposition. An schätzungsweise siebzig Prozent aller Stammzell-Publikationen sind israelische Forscher beteiligt. Dass die kommerzielle, embryonale Stammzellenforschung mit dem vom Bundesrat vorgeschlagenen Gesetzesentwurf dennoch leben kann, zeigt Novartis. Der Basler Pharma-Konzern erliess für die interne Forschung weltweit gültige Richtlinien, und zwar einen Monat vor Bekanntwerden des Gesetzesvorschlags. Diese Richtlinien verbieten die Herstellung von Embryonen zu Forschungszwecken. Ebenfalls abgelehnt wird das therapeutische Klonen, weil diese Technik zuzeit noch mit grossen Risiken und ungelösten ethischen Problemen behaftet sei. Nimmt man die Forschungsrichtlinien von Novartis als Massstab, dürfte die Stammzellforschung in der Schweiz durch den vorgeschlagenen Gesetzesentwurf nicht behindert werden. Die Zukunft des Forschungsplatzes Schweiz wäre demzufolge nicht gefährdet. In Europa verfügt einzig England über eine liberalere Gesetzgebung, welche die Herstellung von Embryonen für Forschungszwecke und das therapeutische Klonen erlaubt.

 

Dialog: Leichter gesagt als getan

Die Schwierigkeiten bei der Festlegung von gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Embryonenforschung machen die Komplexität des Themas deutlich. Die Konflikte liegen zudem auf unterschiedlichen Ebenen. Aus der Risikoforschung weiss man, dass es bei so genannten Risikodebatten drei unterschiedliche Konflikt-Ebenen gibt: Konflikte über Wissen und Expertise, Vertrauens- und Interessenkonflikte sowie Konflikte über Werte und Normen. Die Diskussion um Embryonenforschung und Stammzellen berührt Fragen auf allen drei Ebenen. Im Zentrum stehen Konflikte um Werte und Normen. Mit naturwissenschaftlicher Argumentation allein können in Wertfragen offensichtlich keine Lösungen erzielt werden. Für konstruktive und nachhaltige Lösungen braucht es den interdisziplinären Dialog. Voraussetzung dafür ist eine gemeinsame Kommunikationsbasis und das Bewusstsein, dass die Argumente auf unterschiedlichen Ebenen liegen. Doch dies ist leichter gesagt als getan. Zwei plus zwei gibt vier. Dies gilt als sachlich. Nur diese (wissenschaftliche) Logik ist allgemein anerkannt. Wer einer anderen Logik folgt, soll lernen, die Dinge «objektiv» zu betrachten. Dies, obwohl uns täglich viele Nachrichten zeigen, dass es unterschiedliche Wahrnehmungen desselben gibt. Wer die unterschiedlichen Wahrnehmungen nicht als unterschiedliche Realitäten akzeptiert, verschärft das Problem, das er zu lösen sucht. Der Risiko-Dialog bietet keine Harmonieformel, um Akzeptanz oder Konsens zu erzeugen. Er schafft vielmehr Rahmenbedingungen für eine Reflexion der unterschiedlichen Wahrnehmungen, Annahmen und Werte, für ein gegenseitiges Zuhören, um auch wichtige Zwischentöne zu hören. Es geht beim Risiko-Dialog darum, sich in sein Gegenüber zu versetzen. Es geht um einen Austausch von unterschiedlichen Interessensgruppen (nicht Gegnern), die an einer Lösung interessiert sind. Statt eines Schlagabtausches von gebildeten Meinungen werden dabei gemeinsam qualifizierte Meinungen entwickelt. Auf der so geschaffenen Dialog-Plattform können dann tragfähige und faire Lösungen erarbeitet oder, besser gesagt, errungen werden.