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Klimawandel: Wer steuert unser Verhalten?

Erstellt: 13. Oktober 2015

Wie wir unsere Energiezukunft gestalten, ist entscheidend für die Frage, ob das Ziel von maximal 2° C Erderwärmung eingehalten werden kann. Gefordert werden politische Vorgaben und Verhaltensänderungen. Dürfen wir uns aus der Trickkiste der Psychologie bedienen und die Menschen zu ihrem Glück «schubsen»?

In der Schweiz lag zwischen 1975 und 2004 die Erwärmung der Atmosphäre im Schnitt um den Faktor 2,3 über dem Durchschnitt der nördlichen Hemisphäre (vgl. WSL und EPFL, 2007). Gerade die wertvollen Ökosysteme der Schweizer Alpen sind besonders empfindlich für diese klimatischen Veränderungen. Im Dezember soll auf der UN-Klimakonferenz in Paris das Nachfolge-Modell des Kyoto-Protokolls verabschiedet werden. Längst nicht alle erwarten, dass es diesmal zu bindenden Vereinbarungen zur CO2-Reduktion kommt. Seit dem Scheitern der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 hat sich jedoch einiges im Bereich Klimaschutz und Energiezukunft getan. In Ländern wie Deutschland schreitet die Energiewende voran. Die neuen Erneuerbaren, speziell die Photovoltaik, sind in den vergangenen fünf Jahren auch dank umfassender Förderungen noch schneller in den Kosten gesunken als erwartet. Ebenso hat sich die gesellschaftliche Sichtweise, wie eine demnächst erscheinende repräsentative Studie der Stiftung Risiko-Dialog zeigt, verändert: Die grosse Mehrheit der Schweizer Bevölkerung erwartet oder erhofft, dass Strom künftig frei von fossilen Energien ist und stellt dabei ökologische Ziele sogar wirtschaftlichen voran.

Klimapolitik ist Energiepolitik ist Finanzpolitik
Die Gestaltung der Schweizer Energiezukunft umfasst verschiedene, komplexe Elemente. In der Energiestrategie 2050 geht es vor allem um die Kompensation des wegfallenden Atomstroms durch Effizienzsteigerungen bei Gebäuden und elektrischen Geräten. Strom macht jedoch nur etwa ein Viertel des Schweizer Energieverbrauchs aus. Klimarelevant ist auch die «graue Energie», die etwa in Form von importierten Produkten anfällt und in etwa nochmals so hoch ist wie der gesamte Schweizer Primärenergieverbrauch. Die Ausgestaltung einer CO2-freundlichen Schweiz benötigt somit Innovationen in wesentlich mehr Bereichen. Dabei geht es nicht nur um technische Innovationen, sondern, neben dem gesellschaftlichen Willen und konkreten Verhaltensänderungen, auch um die Finanzierung dieser immensen Aufgabe.

Investitionen in die Energieproduktion und -infrastruktur stehen an. Der Bund geht von 500 Milliarden CHF für die Umsetzung der Energiestrategie bis 2050 aus. Viele finanzielle Herausforderungen werden – und das deutet die Befragung der Stiftung an – kaum mehrheitsfähig sein, da die Bevölkerung zwar zustimmt, aber eventuell die «Willingness-to-pay» fehlt. Lösungen könnten Public-Private-Partnerships sein. Möglicherweise ergibt sich hier eine Win-win-Situation, da der private Sektor, vor allem die institutionellen Anleger mit langem Anlagehorizont (wie z. B. Pensionskassen), einen aktuellen Anlagenotstand haben. Negativzinsen und die Gefahr von Komplettausfällen von Investitionen («Stranded Assets») im CO2-Bereich sind Schlagwörter. Ein Projektnotstand in der Schweiz, vor allem bei Grossprojekten, macht die Sache nicht einfacher. Durch die Energiewende vor allem in Deutschland herrscht kurzfristig ein Stromüberschuss, der die Preise nach unten getrieben hat. Mangels Renditeaussichten resultieren daraus eine Reihe von Projektstopps bei den Energieproduzenten. Strenge Anlagevorschriften verunmöglichen es gleichzeitig vielen institutionellen Akteuren zu investieren. Hier sind die Rahmenbedingungen so anzupassen, dass in die Energiewende investiert werden kann.

Selbstauferlegte Verhaltensänderung?
Über das «Ob» der Energiewende ist sich die Bevölkerung einig, nicht aber über das «Wie». Der Klimaabdruck von Herr und Frau Schweizer liegt (inklusive grauer Energie) immer noch beim ca. Zehnfachen dessen, was die Erde verkraftet. Der Wunsch nach einer Energiewende steht im Widerspruch zum alltäglichen, individuellen Handeln. Eine Lösung könnte «Nudging» liefern.

Nudging nutzt Erkenntnisse aus der Sozialpsychologie, um Menschen in ihrem Verhalten zu beeinflussen. Im Kontext Klimawandel und Energie geht es darum, Personen mittels Hinweisen zu umweltfreundlicherem Verhalten unbewusst «anzustubsen» (Neudeutsch zu «nudgen»). Stromverbraucher/innen werden beispielsweise über das Stromsparverhalten der Nachbarn informiert. In Mensen werden Studenten mit dem CO2-Fussabdruck des Mittagessens konfrontiert – immer mit dem Ziel, dass sich die Menschen selber für das «richtige» Verhalten entscheiden. Dies funktioniert, weil Menschen Informationen meist nur peripher verarbeiten. Sie treffen Entscheide also unbewusst, basierend auf Heuristiken und Emotionen. Für eine rationale Verarbeitung aller Faktoren, ob nun beispielsweise ein Steak-Dinner oder Sushi das Klima stärker belastet, nehmen wir uns in aller Regel nicht die Zeit. Eine wichtige theoretische Grundlage dazu liefert das Informationsverarbeitungsmodell ELM (Elaboration Likelihood Model).

Darf man nudgen?
Wegen der induzierten Veränderung des menschlichen Verhaltens hat Nudging Kritik provoziert. Hinterfragt wird vor allem auch die ethische Legitimität. Es handelt sich um den klassischen Streit zwischen libertären und paternalistischen Ansätzen der politischen Ethik. Was ist sozial und moralisch erwünschtes Verhalten und wie kann es am besten erreicht werden? Befürworterinnen und Befürworter des Nudging-Ansatzes wie Alena Buyx verweisen darauf, dass unsere gesamte Umgebung schon heute geformt und konstruiert sei, man dieser Manipulation also nie entfliehen kann.

Kritik wird auch dort geübt, wo ein manipulativer Eingriff nicht ersichtlich und erkennbar ist. Transparenz sei daher wichtig. Sonst wird das Ziel nicht erreicht, Menschen an ein bestimmtes Verhalten heranzuführen.

Ein weiterer Kritikpunkt des Nudging-Ansatzes verweist darauf, dass insbesondere die Rationalität der menschlichen Entscheidung untergraben werde. Der Psychologe Gerd Gigerenzer betont, dass Nudging Schwächen des Menschen ausnutzt. Konsumentinnen und Konsumenten sollen ihre Entscheidungen «rational» treffen. Diese Gründe können sie beispielsweise in Bildungskontexten wie der Schule erlernen. Doch zeigt die Umweltpsychologie, dass Bewusstsein und Wissen noch lange nicht ausreichend sind, um eine Herausforderung auch zu lösen, um also das entsprechende «erwünschte » lösungsorientierte Verhalten zu zeigen. Dies könne erst durch das «Anstubsen» erreicht werden.

So elegant und erfolgversprechend die Methode sein kann, so ist sie gleichsam ein Experiment mit nicht vollständig absehbaren Folgen. Wenn Nudging die alleinige Lösung herbeiführen soll, wird die Lösung von Problemen Individuen auferlegt, obschon politische oder wirtschaftliche Massnahmen möglicherweise angebrachter wären.

Unterstützung statt Manipulation
Sollen nun also die einzelnen Menschen richten, was die internationale Klimapolitik noch nicht geschafft hat? Nein, denn ganz im Sinne eines integrierten Risikomanagement-Ansatzes müssen die Systeme Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusammen aktiv werden. Die Gefahr ist jedoch, dass jede/r zuerst Handlungen vom Gegenüber fordert: Die Bevölkerung will, dass Unternehmen effizienter werden – Unternehmen wollen «bessere» Rahmenbedingungen – die Politik will mehrheitsfähige Initiativen und hofft auf die «unsichtbare» Hand des Marktes. Verhaltensverändernde Massnahmen wie Nudging bieten hier möglicherweise einen unterstützenden Ansatz. Werden sie breit genutzt, ist vorab ein gesellschaftlicher Konsens über die zu erreichenden Ziele und geltenden Rahmenbedingungen auszuhandeln. Manipuliert werden will niemand, unterstützt aber sehr wohl! Dafür braucht es weiterhin Innovationen von Pionieren in Bevölkerung, Wirtschaft und Politik, die weit über die geforderten Minimalziele hinausgehen.

Christoph Beuttler und Daniel Gregorowius


 

2-Grad-Ziel: noch 17 Jahre verbleiben

Zählt man sämtliche von Menschen verursachte CO2-Emissionen zusammen, so wurden seit dem Beginn der industriellen Revolution 1850 bis heute rund 1'475 Gigatonnen (also Milliarden Tonnen) CO2 durch menschliches Verhalten ausgestossen. Experten schätzen, dass noch rund 2'785 Gigatonnen CO2 – in der Form von nutzbaren fossilen Brennstoffen – potenziell verfügbar sind.

Wollen wir das Ziel von maximal 2°C Temperaturanstieg erreichen, bleiben uns aber gerade einmal 825 Gigatonnen, die wir der Atmosphäre bis 2050 noch zutrauen dürfen. Das klingt nach viel. Aktuell werden aber jährlich 37 Gigatonnen ausgestossen. Bei gleichbleibendem Konsum wäre die Grenze also in rund 22 Jahren erreicht. Aktuell wächst der Verbrauch allerdings jährlich um 2.4 %, so dass die Grenze bereits 2032 überschritten sein wird (Quelle: IPCC, IEA).

Da die Umsetzung von Energieinfrastrukturveränderungen im klimarelevanten Ausmass mehrere Jahrzehnte dauern wird, drängt die Zeit umso mehr.

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