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Risikogleichgültigkeit der Jungen: Indiz für gesellschaftlichen Wandel?

Erstellt: 15. Mai 2015

Was kennzeichnet die Schweizer Risikokultur? Wie unterscheidet sich die Risikoeinschätzung jüngerer und älterer Personen? Basierend auf den Resultaten der aktuellen riskPULSE-Umfrage werden einige ausgewählte, interessante Ergebnisse vorgestellt.

 

riskPULSE 2014: Die Schweizer Risikokultur im Fokus

Nach einer aufschlussreichen Expertenbefragung zum Bedarf nach gesellschaftlicher Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Risikothemen und zur Gestaltung von Risikodebatten im riskPULSE 2012, widmet sich die Stiftung Risiko-Dialog im aktuellen riskPULSE der Beschreibung der Schweizer Risikokultur.

riskPULSE: Risikokultur

Definition
Der Begriff «Risikokultur» wird sehr unterschiedlich definiert und verwendet. Für den aktuellen riskPULSE wird unter «Risikokultur» verstanden, wie die Schweizer Gesellschaft Risiken – im Sinne von Chancen und Gefahren – sieht, wie sie mit Risiken umgeht und welche Vorstellungen hinsichtlich der Regulierung von Risiken bestehen.

Operationalisierung
Zur Messung der wahrgenommenen Risikokultur wurden folgende Konstrukte mittels mehrerer Fragen erfasst:


Die Stiftung Risiko-Dialog befragte im Rahmen des riskPULSE 2014 rund 1'000 Deutschschweizer/-innen. Anhand von drei Themenfeldern untersuchte die Umfrage, wie die Schweizer Bevölkerung ihr Wissen um Chancen und Gefahren einschätzt, wie sie Risiken wahrnimmt, wie risikofreudig sie sich einschätzt und wie hoch die Risikoakzeptanz ist. Weiter analysierte der riskPULSE, welche Massnahmen zum Risikoumgang die Bevölkerung befürwortet und wem sie Verantwortungen zuschreibt. Ebenfalls wurde untersucht, inwiefern diese Elemente der Risikokultur mit demografischen Variablen wie Geschlecht und Alter sowie der generellen, themenunabhängigen Risikobereitschaft zusammenhängen. Es wurden drei Altersgruppen unterschieden: die 18- bis 34-Jährigen, die 35- bis 49-Jährigen und Personen ab 50 Jahren. Es wurden bewusst drei Themenfelder gewählt, bei welchen unterschiedlich viel Vorwissen bei der Bevölkerung erwartet wird und die künftig immer wichtiger werden.

Weitergabe und Verarbeitung persönlicher Informationen im Internet (Datenschutz): Das Thema beschreibt das Risiko, dass wir über Kundenkarten, Social-Media-Anwendungen (wie Facebook) oder Anwendungen auf Mobiltelefonen (wie WhatsApp) ständig Informationen über Aufenthaltsorte, Konsumverhalten bis hin zur körperlichen Leistung preisgeben. Diese Daten werden von Dritten bearbeitet und wiederverwendet. Für den Einzelnen ist es kaum kontrollierbar, was mit diesen Informationen passiert und wer Einsicht erhält.

Verwendung leistungssteigernder Medikamente (Human Enhancement): Im Themenfeld Human Enhancement geht es darum, dass der Mensch grundsätzlich danach strebt, seine Möglichkeiten zu erweitern und seine Leistungsfähigkeit zu steigern. Dabei werden in Zukunft womöglich Medikamente verwendet, welche die Leistungsfähigkeit (z. B. Sehkraft) von gesunden Menschen massiv steigern.

Wachsende Abhängigkeit der Gesellschaft von der Stromversorgung (Strom und Gesellschaft): Dieses Risikofeld beschäftigt sich mit dem Thema einer funktionierenden Stromversorgung als unverzichtbare Grundlage für einen effizienten privaten und beruflichen Alltag. Strom begleitet uns immer und überall, dies kann nebst dem hohen Nutzen auch Gefahren bergen.

Risikobereitschaft fasziniert
Die Risikobereitschaft stellt einen interessanten Untersuchungsgegenstand dar. Da davon auszugehen ist, dass die Risikobereitschaft unter anderem vom jeweiligen Themenfeld abhängt, wurde sowohl nach der themenabhängigen als auch nach der generellen Risikobereitschaft gefragt. Die Analyse der Daten bestätigt, dass es zentral ist, diese beiden Typen der Risikobereitschaft zu unterscheiden. Weiter hat sie auch einen Einfluss auf die Nutzen- bzw. Gefahrenwahrnehmung des spezifischen Risikos. Eine Abhängigkeit zwischen der themenspezifischen Risikobereitschaft und der Gefahren-, bzw. Nutzenwahrnehmung scheint intuitiv naheliegend. Ist beispielsweise jemand im Umgang mit den eigenen Daten im Internet sehr risikofreudig, so ist zu vermuten, dass diese Person wenig Gefahren bzw. hohen Nutzen wahrnimmt.

 


Abbildung 1: Gefahren-/Nutzenwahrnehmung abhängig von der selbst eingeschätzten Risikobereitschaft (p<.001) Erklärung: Regressionsanalysen haben ergeben, dass die themenabhängige Risikobereitschaft in allen drei Themenfeldern sowohl auf die Gefahren- als auch auf die Nutzenwahrnehmung einen hoch signifikanten Einfluss hat, p


Strom: Hoher Nutzen – unterschätzte Risiken?
Interessant sind die Unterschiede zwischen den Themengebieten. Wie erwartet zeigt sich in den Risikofeldern «Datenschutz» und «Human Enhancement», dass je tiefer die Risikobereitschaft ist, desto geringer ist die Nutzenwahrnehmung und desto höher die Gefahrenwahrnehmung. Im Themenfeld «Strom und Gesellschaft» hingegen ist die Nutzenwahrnehmung sehr hoch – auch bei geringer Risikobereitschaft. Die Risikobereitschaft hat hier nur einen stärkeren Einfluss auf die Gefahrenwahrnehmung (vgl. Abb. 1, rechte Darstellung). Paradoxerweise könnte die hohe Nutzenwahrnehmung gerade ein Hinweis für eine Gefahr sein, nämlich die wachsende Abhängigkeit der Gesellschaft von der Stromversorgung. Dieser scheinbare Widerspruch liess sich in der Vergangenheit auch in anderen Themenfeldern finden. Je etablierter eine Technologie oder eine Anwendung im gesellschaftlichen Leben, umso robuster ist die Nutzenwahrnehmung und umso geringer die Gefahrenwahrnehmung. Dies zeigt sich beispielsweise auch beim Mobilfunk: Das Risiko der Mobilfunkstrahlungen wurde weniger diskutiert, je mehr Leute ein Handy besassen. Ähnlich könnte es sich mit dem Strom verhalten.

Die themenabhängige Risikobereitschaft hat ausserdem einen negativen Einfluss auf die Befürwortung von Massnahmen zum Risikoumgang. Gefragt wurde konkret nach der Befürwortung von Massnahmen zur Gefahrenabwehr (z. B. individueller Verzicht), Präventionsmassnahmen (z. B. Richtlinien, Gesetze), Information der Bevölkerung (z. B. Veranstaltungen, Broschüren) und Massnahmen zum Umgang mit potenziellen Gefahren (z. B. Versicherungsleistungen). Der negative Zusammenhang scheint aufgrund der geringeren Gefahrenwahrnehmung, die mit höherer Risikobereitschaft einhergeht, auch plausibel. Wenn keine Gefahren wahrgenommen werden, besteht kein Bedarf nach Massnahmen. Dies konnte die Umfrage bestätigen.

Die Jungen haben eine andere Risikokultur
Ein Befund, der besonders zum Nachdenken anregt, sind die Altersunterschiede. In den beiden Risikofeldern «Datenschutz» und «Human Enhancement» nehmen die 18- bis 34- Jährigen deutlich weniger Gefahren wahr als die beiden älteren Altersgruppen. Dies äussert sich auch in einer geringeren Zustimmung für Massnahmen und der ebenfalls geringeren Verantwortungszuschreibung sowohl an externe Organisationen (z. B. Behörden), als auch an die eigene Person (vgl. Abb. 2). Im Themenfeld «Strom und Gesellschaft» hingegen zeigt sich, dass die jüngste Altersgruppe eine geringere Nutzenwahrnehmung hat.

Generell unterscheiden sich die Altersgruppen nicht hinsichtlich ihrer Risikobereitschaft. Für die Begründung der ungleichen Risikowahrnehmung zwischen den Altersgruppen braucht es folglich neue Erklärungsansätze.

 


Abbildung 2: Geringere Verantwortungszuschreibungen durch die jüngste Altersgruppe (** = p<0.01, ansonsten keine Signifikanz)

 

Alters- oder Generationsunterschiede?
Eine mögliche Erklärung für die gefundenen Altersunterschiede sind Generationeneffekte. Die drei Altersgruppen entsprechen den drei Generationen «Generation Y», «Generation X» und «Generation Babyboomer ». Generationen werden durch das Lebensumfeld und die im zeitlichen Kontext mitspielenden Faktoren mitgeformt. Von Wissenschaftlern analysiert, beschrieben und teilweise sicherlich auch stigmatisiert, stellen sie einen spannenden Forschungsgegenstand dar, nicht zuletzt auch, weil sie gesellschaftliche Wandlungsprozesse widerspiegeln.

Bisherige Ausführungen zur Generation Y beschränken sich allerdings vorwiegend auf das Konsumverhalten und das Verhalten im Ausbildungs- und Arbeitskontext. Man vermutet, dass die Generation Y sehr stark von ihren Peers und dem komplexer werdenden sozialen Umfeld abhängt – vorwiegend durch die Omnipräsenz sozialer Netzwerke. Gemeinschaft hat einen hohen Stellenwert, genauso wie ständige Wahlmöglichkeit und -freiheit (nicht nur im Konsumentenverhalten), was nicht zuletzt das Personalmanagement vor neue Herausforderungen stellt. Die Generation Y zeichnet sich beispielsweise durch einen ausgeprägten Wunsch nach Freizeit und ausreichend Zeit für Familie und Freunde aus. Daneben verliert die klassische Karriereorientierung an Bedeutung. Die Generation Y ist wissbegierig, selbstbewusst, hat eine gute Ausbildung und räumt der Selbstverwirklichung viel Raum ein. Wie aber lässt sich die unterschiedliche Risikokultur in den Altersgruppen bzw. Generationen erklären? Sind generationenbezogene Erklärungen überhaupt sinnvoll?

Von Identitätsdarstellungen und Prioritätenverschiebungen
Die Generation Y erlebte in der Schweiz eine sehr wohlbehütete Kindheit und Jugend. Sie selber, ihre Peers und ihre Eltern waren aus gesellschaftlicher Perspektive nie mit existenzbedrohenden Gefahren konfrontiert. Gleichzeitig vermitteln die Medien ein anderes Weltbild: Kriege, wirtschaftliche Unsicherheiten in Europa, Pandemien, Datensicherheitsskandale etc. Ist die unterschiedliche Risikokultur der Generation Y also eine Folge der Kombination aus mangelnder direkter negativer Erfahrung und zahlreichen Beobachtungen der indirekt vermittelten Gefahren und Risiken, die kaum jemand kontrollieren kann? Oder ist die Generation Y schlichtweg mit anderen Problemen beschäftigt?

Für letzteres sprechen folgende Argumente: Für die Generation Y gehören soziale Medien wie für keine Vorgängergeneration zuvor zum Alltag. Diese verlangen nicht nur viel Zeit und Aufmerksamkeit, sondern bieten der Selbstdarstellung noch nie gekannte Möglichkeiten – wie auch der Identitätsüberwachung. Damit ist nicht der Datenschutz gemeint, sondern viel mehr die Überwachung des dargestellten «Ichs» durch das soziale Umfeld. Onlineprofile stehen stets im Fokus der Kritik. Im Zuge des Strebens nach positiven Rückmeldungen und Anerkennung muss auch mit negativen Feedbacks umgegangen werden. Individuelle Krisen rund um die eigene Identitätsentwicklung und im sozialen Umfeld, die es während des jungen Erwachsenenalters zu bewältigen gilt, erhalten somit ein viel höheres Gewicht. Sie beschränken sich nicht nur auf das klassische Sozialleben, sondern finden auch im Onlineleben statt. Weiter steigt in einer virtuellen Welt, wo fast jedes Unternehmen und sogar fast jedes Haustier einen eigenen Onlineauftritt hat, der Druck, das eigene Profil, die eigene Identität zu charakterisieren und auszuschmücken, um sich abgrenzen und positionieren zu können. Allerdings nur zu einem bestimmten Mass. Denn die Mehrheit will nicht komplett aus dem Mainstream herausstechen und ein Selbstbild erhalten, das sowohl den persönlichen als auch den gesellschaftlichen Wertvorstellungen entspricht. Man könnte es als moderaten Individualisierungstrend bezeichnen.

Womöglich hat die Generation Y folglich einfach keine Zeit für gesellschaftliche Risikothemen, deren potenzielle Gefahren erst in der Zukunft liegen. Weiter sprechen die geringere Gefahrenwahrnehmung, der als kleiner wahrgenommene Massnahmenbedarf und die geringere Verantwortungszuschreibung auch schlichtweg für einen gewissen Pragmatismus.

Gesellschaftlicher Umgang mit risikogleichgültiger Generation Y
Eine gewisse Ignoranz – oder auch Gelassenheit – hinsichtlich spezifischer Risiken kann individuell durchaus rational sein. Wieso sollen wir alle Risiken genau abwägen, wenn keine persönliche Notwendigkeit besteht? Dem alten Denkmuster verfallend ist eine erste Antwort naheliegend: Die geringere Risikowahrnehmung der Generation Y hat nicht nur individuelle Konsequenzen, sondern auch gesellschaftliche. Womöglich ist das risikogleichgültige Verhalten zwar individuell geeignet, aber es schwächt die gesellschaftliche Resilienz, da keine umfassende Gefahren- und Nutzenabwägung mehr stattfindet. Diese Denkweise würde implizieren, dass die Generation Y diese Kompetenzen erlernen muss und ihr Bewusstsein für die gesellschaftlichen Risikothemen gefördert werden sollte. Wagt man aber einen etwas anderen Blickwinkel, lohnt sich zu überlegen, ob es womöglich die Gesellschaft ist, die neue Wege verfolgen sollte, um die Resilienz zu stärken.

Wie zu Beginn angemerkt wurde, ist das Verstehen und Beschreiben von Generationen gerade deshalb zentral, da sie gesellschaftliche Wandlungsprozesse widerspiegeln. Es ist folglich wichtig, genau hinzusehen, was die junge Generation bewegt und was nicht. Und zwar nicht, um abweichende Verhaltensweisen oder Wahrnehmungen rückgängig zu machen und zu «berichtigen», sondern, um sich als Gesellschaft auf neue Entwicklungen einzustellen. Ist es vielleicht sogar die junge Generation Y, die uns aufzeigt, in welche Richtung sich die Wahrnehmung und der Umgang mit gesellschaftlichen Risiken entwickelt? Eine durch Pragmatismus und starken Eigenfokus geprägte Risikokultur, wie sie die Generation Y lebt, steht nicht a priori für eine Gesellschaft mit geschwächter Resilienz. Es gilt folglich zu überlegen, wie die Gesellschaft adäquat auf die junge Risikokultur eingeht und damit die gesellschaftliche Resilienz nachhaltig unterstützt.

Anna-Lena Köng und Matthias Holenstein


 

Rückblick riskPULSE 2012

Bereits vor zwei Jahren führte die Stiftung Risiko-Dialog eine Onlineumfrage durch. Damals wurde eine Gruppe von knapp 150 Experten befragt. Ziel dieser Umfrage war es, aus Expertensicht zu erfahren, zu welchen Risikothemen eine gesellschaftliche Auseinandersetzung stattfinden sollte und welche Aspekte den Umgang mit Risikothemen prägen. Weiter wurde gezielt nach Chancen- und Gefahrenaspekten innerhalb der Risikodebatte gefragt.

Damals dominierten vier Risikothemen:
Der Klimawandel (und/oder Naturgefahren), soziale Spannungen, Energie- und Versorgungssicherheit sowie die Finanzmarktkrise. Auffällig war, dass die Energie- und Versorgungssicherheit zwar als grosse Herausforderung gesehen wurde, die aber zu meistern sei. Man sah sogar Chancen darin, dass ein Momentum herrsche, Probleme endlich anzupacken. Die anderen Themen wurden gänzlich anders eingeschätzt. Es waren kaum nachhaltige Ansätze für Auswege aus der als äusserst komplex wahrgenommenen Situation gesehen. So sei z. B. der Klimawandel als Ganzes kaum mehr zu verhindern. Bestenfalls seinen seine Auswirkungen auf lokaler Ebene – z. B. in der Form von Naturgefahren – teilweise noch handhabbar. Dafür sei aber ein deutlich stärkeres Engagement von Politik, Wirtschaft und Bevölkerung notwendig, welches die Befragten kaum erkennen konnten. Mit Ausnahme der Forschung wurden allen Akteuren tendenziell «bewahrende» Einstellungen zugesprochen. Man stecke die Köpfe in den Sand, in der Hoffnung, dass sich die Probleme irgendwann von selbst lösen.

Die Expertenbefragung zeigt auf, dass die Risikokultur stark themenabhängig ist. Dies war eine der Anregungen dafür, den riskPULSE 2014 entlang von vorgegebenen Risikothemen durchzuführen.
www.risiko-dialog.ch/riskpulse2012

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